Nachruf Landrat Kwasniewski

Veröffentlicht von Peter Börner am

Ein schmerzlicher Verlust, auch für die deutschen Bunzlauer

Landrat Dariusz Kwaśniewski verstarb am 2. Oktober 2017 nach langer, schwerer Krankheit

Lass nicht den Lärm der Stimmen anderer Leute deine innere Stimme übertönen. Habe Mut, deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen. Alles andere ist weniger wichtig. ”  – Steve Jobs

Mit dieser sehr beherzigenswerten Empfehlung des amerikanischen Computer-Pioniers  Steve Jobs leitete Landrat  Kwaśniewski recht ungewöhnlich sein Dankschreiben an die Bundesheimatgruppe Bunzlau ein, nachdem diese ihm zu seiner erneuten Wahl gratuliert hatte, verbunden mit Neujahrswünschen und der Erwartung auf weitere gute Zusammenarbeit.

Der bisherige Landrat Przybylski war 2014 zum Marschall (in etwa Regierungspräsident) von Niederschlesien aufgestiegen, und die Kreisversammlung hatte daraufhin den für Bildung, Kultur, Sport und Verwendung von EU-Mitteln zuständigen Amtsleiter zu ihrem neuen Landrat gewählt, zunächst kommissarisch, dann offiziell. Es war eine glückliche Wahl: für die heutigen Bewohner des Landkreises ebenso wie für uns, die deutschen Bunzlauer.

Der am 3. Mai 1964 in Schweidnitz geborene Kwaśniewski hatte schon seit langem hohes Ansehen, Respekt, ja  Zuneigung  erworben, zunächst bei seinen Schülern als Polnisch-Lehrer, dann als Schulleiter und seit 1999 in der Kommunalverwaltung, die für ihn immer war mehr als reine Verwaltungstätigkeit. Von 2014 bis 2016 initiierte er viele pädagogische und kulturelle Projekte, das größte war die Modernisierung der Berufsbildungszentren in Niederschlesien. Weitere Projekte waren  u.a. „Schule der offenen Möglichkeiten“ und „Entdecken Sie den Charme der Niederschlesischen Wälder!“ Als begeisterter Sportler förderte er den Radfahrertourismus in der Region. Und nicht zu vergessen: Er trug wesentlich dazu bei, dass dank klugen Einsatzes von EU-Fördermitteln das Bunzlauer Stadttheater, das dem Landkreis untersteht, zu neuem Glanz erwachte. Das behutsam und sorgfältig renovierte Gebäude ist seit 2012 wieder eine Freude für alte und neue Bunzlauer.

Aber wir deutschen Bunzlauer verdanken ihm wesentlich mehr. Über seinen deutschen Partnerkreis, den Rhein-Sieg-Kreis, der zugleich unser Patenkreis ist, nahm er stets wohlwollend, um nicht zu sagen: herzlich Anteil am Leben und an den Belangen der heimatvertriebenen Bunzlauer aus Stadt und Kreis.

„Bitte, betrachten Sie den heutigen Landkreis Bunzlau auch als Ihren Landkreis“, sagte er 2013 einfühlsam und durchaus mutig während der Feier der 60-jährigen Patenschaft im Siegburger Stadtmuseum. Dass dies keine Floskel war, erwies sich schon bald: Denn in Landrat Kwaśniewski fand die Bundesheimatgruppe in ihren lange vergeblichen Bemühungen, in Bunzlau auch dem Leiden der deutschen Opfer der polnischen Geheimpolizei, am bekanntesten Pfarrer Paul Sauer, eine bleibende Gedenkstätte zu  schaffen, endlich einen verständnisvollen Ansprechpartner. Ohne seine Zustimmung und Unterstützung, die Einsicht, Charakterstärke und Mut erforderte,  wäre die Errichtung der Paul-Sauer-Gedenksäule auf dem Gelände Lutherstraße (Grunwaldzka) 4 nicht möglich gewesen. Da, wo in der frühen Nachkriegszeit ein Schreckensort für viele deutsche und polnische Gefangene von Miliz und Geheimpolizei war und später das dem Kreis unterstellte Jugendkulturhaus seinen Platz fand, da nahm im September 2014 Landrat Kwaśniewski nach einer anrührenden Gedenkfeier eine der Überlebenden, damals ein junges Mädchen, eine jetzt alte Frau, liebevoll in seine Arme und bat um Verzeihung für das, was man ihr hier angetan hatte. Das zeigt seltene menschliche Größe.

Über den beiden letzten Jahren des Landrats liegt eine tiefe Tragik: Sein Leben wurde ab Frühjahr 2016 zunehmend von der Amyo-trophen Lateralsklerose (ALS) umschattet, einer sehr seltenen, unvermutet auftretenden, schleichend fortschreitenden un-heilbaren Krankheit, die zur Lähmung aller Muskelfunktionen führt. Zunächst versuchte Landrat Kwaśniewski tapfer seine vielfältigen  Aufgaben weiterwahrzunehmen. Als es wirklich nicht mehr ging, musste er seine Abdankung mit seinem Fingerabdruck unterzeichnen.

Die Heimatgruppe hatte durch den Rhein-Sieg-Kreis von seiner Erkrankung erfahren. Sie konnte nur brieflich mit ihm Kontakt aufnehmen und ihr tiefes Mitgefühl ausdrücken. Zu einem Wiedersehen ist es vor seinem Tod am 2. Oktober 2017 leider nicht mehr gekommen.

Am 6. Oktober 2017 wurde Herr Kwaśniewski unter großer Anteilnahme in seiner Heimatstadt Schweidnitz beigesetzt. Deutsche und Polen haben einen vorbildlichen, liebenswerten  Menschen verloren. Wir trauern mit seiner Frau, mit seinen Angehörigen und seinen Mitarbeitern. Aber wir sind auch dankbar, dass wir ihn kennen lernen durften.                                    Peter Börner

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