Der Bunzlauer Bildhauer Fritz Theilmann

Veröffentlicht von Peter Börner am

Nicht nur Bunzlau verdankt ihm viel.

Eine Würdigung des Bildenden KünstlersProf. Fritz Theilmann

Der Bunzlauer Maler Hans Howad lädt uns ein, einen Künstler wiederzuentdecken. Fritz Theilmann wurde vor fast 120 Jahren in Karlsruhe geboren, verstarb 1991 in Kieselbronn bei Pforzheim und wirkte während eines wichtigen Abschnitts seines Lebens als Lehrer an der Keramischen Fachschule in Bunzlau. Anlässlich des Fritz-Theilmann-Jubiläumsjahres (2011/2012) erhielt die Bundesheimatgruppe einen sehr lesenswerten Beitrag seines einstigen Künstlerkollegen Hans Howad. Wir haben ihn ergänzt durch Archivmaterial aus der Heimatstube, eigene Überlegungen und Hinweise  seiner Tochter Bärbel Rudin und möchten mit Text und Bildern den Lesern der Bunzlauer Heimatzeitung eine Freude bereiten.

An einen bedeutenden Menschen, an einen großen Bildhauer des Gegenständlichen, möchte ich euch, liebe Bunzlauer, erinnern und euch teilhaben lassen an der Begegnung mit ihm und seinem Werk. Als ich 1979 in meinem heutigen Wohnort im Raume Pforzheim eine Ausstellung meiner Arbeiten vorbereitete, traf ich Professor Theilmann völlig unerwartet im Vorstand der Künstler-Gilde Buslat, in deren Räumen die Ausstellung stattfand. Er lud mich spontan zu einem Besuch in seinem Atelier ein, das sich in Kieselbronn in unmittelbarer Nähe befindet. Was für eine bewegende Begegnung nach 43 Jahren, nach Flucht, Vertreibung und Neuanfang!

Außerhalb des Ortes, am Waldrand, mit freiem Ausblick auf die Streuobstwiesen hatte er sich sein Atelier geschaffen. An ausgewählten Plätzen standen Skulpturen und Plastiken, darunter das 2,50 m hohe Ensemble „Drei Kameraden in Diabas. 1636 hatte Theilmann für sein bildhauerisches Gesamtwerk, darunter auch das Modell dieser Figurengruppe, den Kunstpreis der Stadt Breslau erhalten. Eine Abbildung davon nahm unser Kunsterzieher an den Zahnschen Schulanstalten A. Reimann als Anregung für unsere Versuche im plastischen Gestalten. Den Ton holten wir von der Keramischen Fachschule direkt gegenüber. Das dürfte 1936/7 gewesen sein. – Tief beeindruckt hat mich der Besuch der hohen, lichtdurchfluteten Atelierräume. Überall Plastiken aus den verschiedensten Materialien: Porträt-Büsten, Gipsentwürfe, Terrakotten, Fayencen, Schnitzereien aus den verschiedensten Hölzern, Majolika-Arbeiten, Skulpturen in allen Steinarten und aus verschiedensten Metallen: Bronze, Stahl, Silber, sogar Aluminium-Guss – und natürlich Ton, sein Lieblingsmaterial. Zuletzt standen ca. 600 Arbeiten in seinem Werkverzeichnis!

Wir hatten ein gutes Gespräch, und er gab mir eine Aufzeichnung mit, aus der ich berichte: Geboren wurde Fritz Theilmann am 28. Dezember 1902 in Karlsruhe. Seine Eltern stammten aus Kieselbronn nördlich von Pforzheim. Er wollte eigentlich Architekt werden, ging aber als Neunzehnjähriger auf die Badische Landeskunstschule in Karlsruhe (heute: „Badische Akademie der Bildenden Künste“). Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich in der Staatlichen Majolika-Manufaktur.

Dann zog es ihn hinaus in die Welt. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, auch als Matrose auf einem Segelschiff kam er bis nach Kairo. Er wanderte heimwärts und wurde von der Karlsruher Akademie in Gnaden aufgenommen, wurde sogar Meisterschüler. 1925 holte ihn die neu gegründete Manufaktur Kieler-Kunst-Keramik (KKK) als Bildhauer und Leiter der baukeramischen Abteilung nach Kiel. Theilmann wuchs an den ihm übertragenen Aufgaben: Klinker-Plastiken, Brunnen, Portale, auch feinkeramische Arbeiten, brachten ihm eine reiche Ernte an Erfahrungen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat für ihren Architekturkalender “Detail-Ansichten 2012” als Titel- und Monatsblatt das Magdeburger Pferdetor, eine Klinkerarbeit Fritz Theilmanns aus der Zeit bei der Kieler Kunst-Keramik, ausgewählt.

1929 brach er wieder aus. Zu Fuß, auch im Sattel oder Auto zog  er auf alten Karawanenstraßen von Jerusalem über Syrien nach Persien und Kurdistan, wo er –  ein Schwerpunkt seiner Reise – längere Zeit an den Grabungen des Archäologen Prof. Ernst Herzfeld teilnahm. An und in den Bauwerken und Monumenten faszinierten ihn die Skulpturen, Wandgestaltungen, Fußböden- und Deckenbeläge mit den geheimnisvollsten Glasuren. Wohlgemerkt war das in einer Zeit, als es keinen Tourismus wie heute gab und überall das Abenteuer dabei war! Von Colombo trat er den Rückweg an. Er beschloss sein bewegtes Wanderleben mit einem Jahr eifrigen Studiums in Paris.

Und nun, liebe Bunzlauer, kam der Ruf an die Keramische Fachschule, wo er 1932 als Nachfolger von Professor Wilhelm Waldeyer die Bildhauer-Klasse übernahm. Zehn Jahre hat er an dieser Schule gewirkt. Er entwickelte, inspiriert von seiner badischen Heimat, ungewohnte Techniken (Engobe-Schlicker). Damit entstand ein neuer Bunzlauer Keramik-Stil, den der Leiter der Fachschule Professor Dr. Eduard Berdel seit 1935 unter dem Begriff „Bunzlauer Braunzeug“ in die Öffentlichkeit brachte. In den Erinnerungen eines Hafners und in seinem Aufsatz Bunzlauer Braunzeug hat Theilmann diese Entwicklung beschrieben. 1936 gaben Direktor Berdel und er den Anstoß zum Zusammenschluss von sechs Werkstätten in Bunzlau und Naumburg (Karl Werner, Gleisberg, August Hude, Max Lachmann, Hugo Reinwald und Gerhard Seiler). Elisabeth von Grunelius, eine Absolventin der Fachschule, die mit Theilmann auch Modelle wie den Herzkrug, die Leuchtermarie, die Butterjule und die Schnapsliese kreiert hatte, erhielt den Auftrag, die neue Malweise und die neuen Modelle in den einzelnen Werkstätten einzuführen. Die Waren wurden auf der Töpferscheibe gedreht, mit Lehmglasur überzogen, mit weißem Auflagendekor oder mit dem Malhorn verziert. So kam  es – in Absetzung zur industriellen Produktion – zu einer Wiederbelebung von fast vergessenen Dekoren, z.B. dem der preußischen Krüge aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die von alten Keramikformen inspirierten neuen Erzeugnisse trugen das Signum BB. Das war seinerzeit durchaus eine Erfolgsgeschichte. Fritz Theilmann schreibt: „‘Bunzlauer Braunzeug‘ eroberte bald seinen Markt im In- und Ausland.“ Erst der Zweite Weltkrieg bereitete diesem vielversprechenden Aufschwung Bunzlauer Keramik ein Ende.

Fritz Theilmann erwarb sich überhaupt große Verdienste um das schlesische Kunsthandwerk: Er baute den Schlesischen Kunstverein mit 4000 Mitgliedern auf und übernahm 1941 in Breslau die Leitung des Landesamtes Niederschlesien für Handwerkspflege und industrielle Formgebung. 1942 dokumentierte eine von ihm erarbeitete Ausstellung in Wien die moderne Kunst im damaligen Schlesien. Wie er mir sagte, war es sein Anliegen, das blühende Kunsthandwerk Schlesiens im Reich bekannt zu machen, wo es viel zu wenig beachtet wurde.

Doch es kam ganz anders. Im selben Jahr 1942 wurde er unter Umgehung seiner Unabkömmlichkeit Soldat. Er hat das damit begründet, dass es für ihn in der kritischen Phase des Krieges Wichtigeres gab als Kunstförderung. Er wurde in Russland eingesetzt und geriet in Gefangenschaft. Im Herbst 1945 riskierte er die Flucht. Doch er wurde in den Karpaten ergriffen und erhielt vier Wochen verschärfter Haft bei 20° Kälte und 300 Gramm Brot am Tag. Erstaunlich, dass er selbst in den – wie er einmal ausgerechnet hat – siebenundvierzig Monaten russischer Gefangenschaft künstlerisch tätig war, – mit einfachsten Mitteln. Vielleicht hat ihm seine Kunst zum Überleben verholfen. Als er 1949 entlassen wird, ist in ihm ein bleibendes tiefes Gefühl gegen Krieg und Unfreiheit gewachsen. Er hat sein Atelier und alle seine Arbeiten verloren und steht vor dem Nichts. Seine Frau Christa kann sich in den Westen retten, doch eine seiner Töchter, ein sieben Monaten altes Kind, stirbt auf der Flucht. Theilmann findet Arbeit als Modelleur in der Pforzheimer Schmuckindustrie. Einige schöne Stücke zeugen bis heute davon. Es dauert elf Jahre, bis er sein neues Atelier in Kieselbronn beziehen kann.

Aufträge sucht und findet er in der Region und im ganzen Bundesgebiet. In seinen Werken kommt alles zum Ausdruck, was sich in ihm aufgestaut hat: der Protest gegen das erfahrene Leiden in der Gefangenschaft, das Schicksal der Kriegsheimkehrer, die Vertreibung, das unsägliche Leid der Witwen und Mütter, – das alles fließt ein in seine Arbeit. Insbesondere die Aufträge zu Mahnmalen verschaffen ihm weite Anerkennung. 1961 erhält er den Friedlandpreis der Heimkehrer.

Fritz Theilmann war  – die beigefügten Proben zeigen es – ohne Zweifel ein moderner und durchaus eigenwilliger Künstler. Aber er wollte verständlich sein. Modische Strömungen der Gegenwart ließen ihn unbeeinflusst. In seinen späten Jahren scheute er nicht die Auseinandersetzung mit dem jetzt herrschenden Kunstbetrieb. In einem ausführlichen Beitrag für die Pforzheimer Zeitung im Jahre 1980 betrachtet er es als „brutale Fehlleistung des künstlerischen Ehrgeizes […], diesen Zeitgeist der Wurzellosigkeit mit seinen eigenen Abfallprodukten, mit Gefühlskälte und elitärem Getue übertrumpfen zu wollen.“ Dem setzt er Ernst Barlachs Grundsatz entgegen: „Ich wünschte das schaffen zu können, was den Besten der Zeit, aber auch der Köchin einleuchtet.“ Mythen und Sagen, Märchen, Religion, Geschichte und Gegenwart, Arbeit und Freizeit, kurz: was Menschen bewegt, wuchs in seinen Händen zu Skulpturen, Brunnen, Grabsteinen, zu Reliefs und Mosaiken an Bauwerken. Besonders eindrucksvoll die Keramik-Mosaiken am Kieselbronner Kindergarten (1974). In allen Techniken und Materialien verwirklichte er seine Ideen. Eines seiner letzten Werke war die überlebensgroße Skulpturen-Gruppe „Die Rassler“ aus dem Jahre 1982. Dargestellt sind fünf Personen unterwegs. Sie stehen beispielhaft für jene, die einst aus den umliegenden Dörfern nach Pforzheim mit ihren Essgefäßen aus Blech „rasselnd“ zur Arbeit kamen.

Bei alledem fand Theilmann immer noch Zeit, seine Erkenntnisse, Ansichten und Auffassungen in Worte zu fassen und zu publizieren. Siehe das beigefügte Literaturverzeichnis! In Diskussionen nahm er kein Blatt vor den Mund und erfreute durch herzerfrischende „ketzerische“ Beiträge.

Am 7. August 1991 verstarb er in seiner badischen Heimat, in die ihn das Schicksal nach Wanderjahren und Meisterjahren in der Fremde und nach Krieg und Kriegsgefangenschaft zurückgeführt hatte. Hier verbrachte er seinen letzten schöpferischen Lebensabschnitt. Sein Werk besteht fort. Eine treue Sachwalterin ist seine Tochter Bärbel Rudin. Anlässlich des 20. Todestages strömten viele Menschen in sein Atelier. Doch mir fehlt seine Stimme in der Kunst. Einmal hat er mir gesagt: „Ihr dürft euer Schlesien nie aufgeben!“ Fast wäre er ein Bunzlauer geworden – oder Breslauer? In der Geschichte der Keramischen Fachschule wird er seinen Platz neben anderen bedeutenden Fachleuten und Künstlern behalten – in der Stadt Bunzlau, die jetzt Bolesławiec heißt. Auch das dortige Keramikmuseum dokumentiert seine Arbeiten.

Hans Howad (mit Ergänzungen von Peter  Börner)

Literatur in Auswahl

Vieles davon in der Bunzlauer Heimatstube in Siegburg

Steller, Georg: Bunzlau, die Stadt des Guten Tones und sein Braungeschirr. Versuch einer kritischen Untersuchung. In: Zs. Schlesien. Eine Vierteljahrsschrift für Kunst, Wissenschaft und Volkstum, Bd. XVI, 1971, S. 29-39

Lippert, Ekkehard: Bunzlauer Braungeschirr. Herkunfts- oder handelstechnische Bezeichnung. In: Zeitschrift Schlesien 3 / 1993. S. 174-186

Theilmann, Fritz: Erfahrungen auf dem Gebiet der Handwerksförderung. In: Keram. Rundschau 47, 1939, S. 39f

Theilmann, Fritz (Ausstellungsleitung): Schlesische Kunst, hg. vom Kunstverein Schlesien. Breslau 1942

Theilmann, Fritz: Bunzlauer Braunzeug. In: Schles. Heimatkalender 1966, hg. v. Karl Hausdorff, Stuttgart 1966

Theilmann, Fritz: Gegen Abend. Gespräch in der Werkstatt des Bildhauers Fritz Theilmann in Kieselbronn mit Betrachtungen v. Prof. Rudolf Immig u. Bärbel Rudin-Theilmann, dazu Abbildungen von Arbeiten aus fünf Jahrzehnten. Kieselbronn, 1977

Theilmann, Fritz: Kunst ist für alle Menschen da. In: Pforzheimer Zeitung Nummer 11 / 15.01.1979

Theilmann, Fritz: Fragebogen in Sachen Kunst. Vom „Stuhl mit Margarineklotz“ konsterniert? Ein „ketzerischer“ Beitrag des Kieselbronner Bildhauers Professor Fritz Theilmann. In: Pforzheimer Zeitung vor dem 23. 08. 1980

Theilmann, Fritz: Du sollst mit dem anvertrauten Pfund wuchern. Pforzheim 1982, 80 Ss. [mit Werkverzeichnis]

Schmalacker-Wyrich, Esther: Professor Fritz Theilmann. Zum 85. Geburtstag des Bildhauers aus Kieselbronn, in: Der Enzkreis, Jahrbuch 1987/88, Pforzheim 1988

Rabe, Fritz: Nekrolog auf Professor Fritz Theilmann. Bildhauer in Kieselbronn. 11.08. 1991. Typoskript im Bestand der Bunzlauer Heimatstube, 6 Ss.

N.N.: Bildhauer Fritz Theilmann ist gestorben. In: Bunzlauer Heimatzeitung, 1991 Nr. 10 S. 12

Rudin, Bärbel (Red.): Fritz Theilmann (1902-1991) Bildhauer des Gegenständlichen. [Katalog] Zur Ausstellung des Kulturamts der Stadt Pforzheim 20.12.2002 – 19.01. 2003, Pforzheim 2002, 36 Ss.

www.pfenz.de/wiki/Fritz_Theilmann   www.ka.stadtwiki.net/Fritz_Theilmann   www.fritz-theilmann.de

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Atelier Fritz Theilmann  Am Bühlwald 1  75249 Kieselbronn  Öffnung nach Vereinbarung. Telefon 07231-51917

WINDROSE Studienstätte für Theater Forschung Kultur Am Bühlwald 3  75249 Kieselbronn Tel. 07231/ 561668

Atelier Hans Howad  Finkenstraße 17    75242 Neuhausen-Steinegg Telefon 07234-8203

Archiv der Bundesheimatgruppe Bunzlau Heinrichstraße 4 Siegburg. Postanschrift: 53719 Postfach im Rathaus Telefon 02241- 50371 (jeden Dienstag von 10.00 Uhr bis 12.30 Uhr) – E-Mail: peter-boerner@onlinehome.de 

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Kategorien: Persönlichkeiten