Bilder sagen bekanntlich mehr als viele Worte. Unsere Heimatzeitung hatte dankenswerterweise bereits in der Juniausgabe eine Reihe schöner Bilder vom 30. Bunzlauer Heimattreffen gebracht. Doch einiges Wichtige muss noch ergänzt werden. Zunächst: Die Siegburger Zusammenkunft verlief planmäßig, in guter Stimmung und bei prächtigem Pfingstwetter. Die ca. 100 Teilnehmer, gebürtige Stadt- und Kreis-Bunzlauer, Kinder, Enkel und Freunde, hatten eine oft weite Reise auf sich genommen. Beispielhaft genannt seien Helga Gutzeit aus Techau nördlich von Lübeck, Peter Höhne aus Krumbach in Oberschwaben, Gisela Herrmann aus Berlin und das Ehepaar Heinz und Edeltraut Engmann aus Leipzig. Bunzlaus Bürgermeister Pjotr Roman legte sogar über 700 Kilometer zurück, teils mit dem Auto, teils mit dem Flugzeug, um unser Gast in Siegburg zu sein. Er besuchte die Heimatstube und informierte sich dort über das Projekt „Bunzlauer Keramik nach 1945“, er überbrachte beim Festakt Grüße aus Bolesławiec / Bunzlau, er erläuterte in privatem Gespräch geduldig die immer noch bestehenden psychologische Hindernisse, die einem unverkrampften polnischen Umgang mit der Vertreibungsgeschichte im Wege stehen. Und er lud die deutschen Bunzlauer für das nächste Jahr zum Stadtfest nach Bunzlau ein. Vielleicht kommt doch noch eine Art kleines Heimattreffen in der alten Heimat zustande...
Die weiteste Anreise hatte zweifellos die Studentin Agnieszka Wojciechowska aus Lemberg. Sie arbeitet an einem wissenschaftlichen Projekt über die Situation der Menschen im Bunzlau /Bolesławiec um 1945. Es geht ihr also um das Schicksal und die Befindlichkeit der Deutschen, die ihre Heimat verlassen mussten und – vergleichend - um die Erfahrungen der polnischen Neubürger, speziell aus Jugoslawien, die sich damals in einer fremden Gegend ansiedelten, die ihnen einmal Heimat werden sollte. Ein wahrhaft spannendes und wichtiges Thema, zu dem Frau Wojciechowska gemeinsam mit Kommilitonen Zeitzeugen befragt, u.a. Kurt Basler und Ursula Burghard.
Dass trotz Werbung nur relativ wenige Heimatfreunde nach Siegburg kamen, hat uns in der Absicht bestätigt, künftig kein großes Heimattreffen mehr zu organisieren. Das soll jedoch nicht heißen, dass die Bundesheimatgruppe aufhört zu bestehen und unser Kulturgut kurzfristig den Siegburger Paten übergeben wird. Vielmehr stellte sich der Vorstand erneut zur Wahl, wurde wiedergewählt und überraschte die Teilnehmer des Heimattreffens mit neuen Initiativen.
Die Wichtigste, die nach eingehender Beratung von der großen Mehrheit der Vollversammlung unterstützt wurde: Wir gründen einen eingetragenen Verein der Bunzlauer. Dieser kann und soll in Zukunft gewährleisten, dass die Arbeit der Bundesheimatgruppe organisatorisch gestärkt und finanziell besser abgesichert weiter gehen kann: Es geht ja um sehr viel Erhaltenswertes und Ausbaubedürftiges, ganz praktisch beispielsweise um den Ankauf von Keramik und anderem Heimatgut oder um die notwendige Anschaffung zusätzlicher Vitrinen für die Heimatstube. Das Wissen über das alte deutsche Bunzlau, überhaupt den historischen deutschen Osten, schwindet. Wir wollen es mit Hilfe der Heimatfreunde für die Gegenwart und die Zukunft lebendig halten: das Wissen jener Menschen und über jene Menschen, die in Stadt und Kreis Bunzlau gelebt haben, fliehen mussten oder vertrieben wurden und sich in der Fremde eine neue Existenz aufgebaut haben, die ihnen schließlich eine neue Heimat werden konnte . Wir bewahren somit auch die Erinnerung an das Leiden und Sterben unserer Mitbürger. Wir haben ihrer beim Heimattreffen am Gedenkstein für Pfarrer Sauer in einem würdigen ökumenischen Gottesdienst mit Dechant Peter Weiffen und Pfarrer Christian Mertens gedacht. Eng damit verbunden ist eine solide historische Dokumentation der damaligen Ereignisse; denn nur auf der Grundlage der Wahrheit ist echte Versöhnung möglich.
Nach wie vor notwendig ist weiterhin die Fortführung der Erschließung des reichen Kulturerbes unserer Heimat, nicht nur der Keramik. Hier gehen uns die polnischen Bunzlauer längst mit gutem Beispiel voran. Nicht wenige unter ihnen wissen sich längst für das geschichtliche Erbe mitverantwortlich, - so wie umgekehrt uns eine gute wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Heimatregion uns am Herzen liegt. Damit die Bundesheimatgruppe all diese Aufgaben erfüllen kann, sind in der Vollversammlung zwei unterschiedliche Modelle vorgeschlagen worden: die Gründung eines eingetragenen Vereins „Bundesheimatgruppe Bunzlau zu Siegburg“ mit einem jährlichen Mitgliedsbeitrag in Höhe von 25 Euro und / oder – so der Vorschlag von Gert Hartmann - die Schaffung eines „Fördervereins Bunzlau“ mit einem Mindestbeitrag von ca. 30 Euro im Jahr. Die Gemeinnützigkeit beider Vereine liegt auf der Hand, die Anerkennung nach der Gründung angestrebt. So geht ein wichtiger Impuls von diesem letzten Heimattreffen aus: Bunzlauerinnen und Bunzlauer, deren Angehörige und Nachkommen und die Freunde Bunzlaus in aller Welt werden eingeladen, sich in dieses wichtige und hochaktuelle Projekt einzubringen: mit Ermutigung und Ratschlägen, am besten aber durch eine (noch unverbindliche) Absichtserklärung, Mitglied zu werden und sich finanziell zu beteiligen, - Spenden sind schon jetzt möglich. Unser Konto: Kreissparkasse Köln BLZ 370 502 99 Konto-Nummer 0 019 004 480. In der nächsten Ausgabe der Heimatzeitung Näheres. Der mit Abstand größte Spender der letzten Zeit war übrigens ein Nichtbunzlauer, der langjährige SPD-Politiker Norbert Gansel, zuletzt Oberbürgermeister von Kiel. Er schrieb uns in seinem Grußwort zum Heimattreffen: „Als Ur-Ur-Enkel des Baumeisters Engelhardt Gansel habe ich ‚meine‘ Bunzlauer Vorgeschichte erst im letzten Jahr entdeckt. Daß ein ‚alter‘ Bunzlauer - Peter Börner – mir geholfen hat, auch die ‚neuen‘ Bunzlauer in Bolesławiec kennenzulernen, macht mich dankbar und hoffnungsvoll für die Zukunft in einem Europa, in dem wir Heimat teilen und nicht zerteilen oder verteilen.“
Grüße erhielten wir u.a. auch von Kurt Anders (Hamburg), Heinz Bellinger (Brandenburg), Frau Anna Bober-Tubaj (Bunzlau /Bolesławiec), Karl-Heinz Burghardt (Dessau), Altbischof Christoph Demke (Berlin), Maria-Luise und Dorothea Demke (Potsdam), Andrew Demshuk (USA), Christa Gabora (Buttstedt), Gerhard Haupt (Bockenem), Helmut Junge (früher Waldau, jetzt Erftstadt), Hannah Kunkel (Herbrechtingen), Irene Isensee (Wolfenbüttel), Max Langer (Stuttgart), Margit Müller (Bamberg), Zdzislaw Mirecki und Zygmunt Brusilo (Bunzlau/Bolesławiec), Lore Nilson (Lehrte), Adrian Rajczakowski (Dresden), Christoph Rückert (Hildesheim), Marie Sichler (Wittenberg), Barbara Simon und Ingeborg Grabitzke (München), Damian Spielvogel (Landsmannschaft Schlesien, Königswinter), Werner Springer (Stadthagen), Günther Weise (Haimhausen Tel. 08133-92382, der sich als Spitteler bekennt und nach Schulkameraden fragt!), Ingeborg Wende (Braunschweig). – Auch viele der Siegburger, die über Pfingsten an der Teilnahme verhindert waren, schickten uns herzliche Grüße.
Der gut besuchte Festakt in der Aula des Stadtmuseums hatte zwei Höhepunkte: die Ansprache von Heimatfreund Rudi Rückert (Salzgitter / Naumburg), eine Zusammenschau der dreißig Bunzlauer Heimattreffen zwischen 1953 und 2010 (die Rede wird in der Heimatzeitung abgedruckt und wohl auch broschiert vorgelegt)und die Ehrungen verdienter Heimatfreunde.
Der Siegburger Landrat Frithjof Kühn zeichnete Horst Lessig für sein vorbildliches Wirken für die Bunzlauer Runde in Essen (seit 1986!) und für langjährige Mitarbeit in Vorstand der Bundesheimatgruppe aus. Seine Devise „Der Ton ist unser Element, ob man ihn singt, ob man ihn brennt“, erlebt man mit Freude, wenn er mit seinem Ziehharmonika-Spiel die Heimatfreunde zu gemeinsamem Gesang animiert. Mittlerweile ist Horst Lessig einer der wenigen vor Ort (er reist regelmäßig von Hagen an, um an den monatlichen Vorstandssitzungen teilzunehmen!), die authentisch über das alte Bunzlau Auskunft geben können. Schon deshalb war und ist seine Mitarbeit in der Bundesheimatgruppe geradezu unentbehrlich!
Der zweite von Landrat Frithjof Kühn Ausgezeichnete war Heimatfreund Karl-Heinz Bellinger. Am 10. Februar musste mit der Mutter und vier Geschwistern Bunzlau verlassen. Im Juni 1945 wieder zurückgekehrt, kam das endgültige Aus am 19. Juli 1945. In seinem in Buchform veröffentlichten Erlebnisbericht „Ich denke oft an Monika“ hat er Flucht und Vertreibung anschaulich und ohne feindselige Gefühle geschildert. Ein lesenswertes zeitgeschichtliches Dokument! Schließlich landete er in Brandenburg / Havel, war lange Jahre Eisenbahner, gründete eine Familie, hat Kinder und Enkel. Es kam die Wende und er wurde Rentner. Die Heimat ließ ihn nicht los. Anfang 1992 veröffentlichte er in der „Glücks-Revue“ folgende Suchmeldung: „Suche ehemalige Schlesier, die in Bunzlau geboren sind und dort bis 1945 lebten, besonders die Jahrgänge 1930/1 der Opitz-Volksschule.“ Tatsächlich meldeten sich mehrere einstige Mitschüler. Zwischen 1992 und 2005 hat Heinz Bellinger, unterstützt u.a. von seinem Schulkameraden Kurt Basler, zwölf Klassentreffen in verschiedenen Teilen Deutschlands durchgeführt. Dreimal fuhr man gemeinsam mit dem Bus nach Bunzlau. So wurde die Erinnerung an die Heimat wachgehalten und es bildeten sich neue Freundschaften. Die Arbeit der Bundesheimatgruppe in Siegburg hat er ebenso wie Kurt Basler durch ermutigende aufmerksame Begleitung aus der Ferne sowie durch wertvolle Geschenke für das Bunzlau-Archiv in der Heimatstube unterstützt. So kann man Kurt Basler, der die Belobigung entgegennahm, nur zustimmen: „Karl-Heinz Bellinger hat eine Auszeichnung verdient!“
Stellvertretend für die Mitarbeiter im Naumburger Heimatkomitee (Elisabeth Minnich, Elisabeth Sauer, Edgar Altmann, Heinz Beer, Gerhard Haupt, Alfred Hübner und Klemens Schmidt), die oft schon in dritter Generation die Erinnerung an die Heimat lebendig halten und gute Kontakte zu den neuen Bewohnern pflegen, wurde Naumburgs Ortsbetreuer Christoph Rückert ausgezeichnet. Sein Vetter Rudi Rückert nahm das Geschenk des Landrats entgegen. Der wunderte sich sehr, dass die Naumburger in diesem Jahr das 63. Heimattreffen begehen und noch ca. 300 Besucher erwarten.
Peter Börner, von 1993 bis 2005 Organisator des Schüleraustauschs mit Bunzlau und seit 2000 Vorsitzender Bundesheimatgruppe, der zahlreiche Bunzlau- Projekte in Siegburg auf den Weg gebracht hatte , erhielt von der Vizebürgermeisterin Haase-Mühlbauer das „Ehrenwappen der Stadt Siegburg“.
Ganz andere Akzente setzte der Pfingstmontag, der Ausflugstag ins Siebengebirge und an den Rhein. In Haus Schlesien besuchte die Reisegruppe die schöne Sonderausstellung „Tiefenfurter Porzellan“, fachkundig und sehr lebendig erläutert von Hauptleihgeber Schmidt-Stein. Für manchen Bunzlauer eine echte Neuentdeckung! Haus Schlesien war noch für eine weitere Überraschung gut: Wir trafen den gerade aus Görlitz zurückgekehrten Vorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien Rudi Pawelka. Dann brachte uns der Bus zur Insel Grafenwerth bei Bad Honnef, und bei immer noch bei gutem Frühlingswetter ging’s mit dem Dampfer rheinabwärts. Der Nachmittag klang aus im idyllischen Innenhof eines Weinlokals in Königswinter-Oberdollendorf. Wieder in Siegburg konnten wir sagen: Das letzte Bundesheimattreffen war eines der schönsten!
Peter Börner