70 Jahre Bunzlau in Siegburg

Veröffentlicht von Peter Börner am

Eine ganz andere Veranstaltung wider das Vergessen.

1953 – 2023. Siebzig Jahre Bunzlau in Siegburg.

Nach Kriegsende waren wir Bunzlauer in alle Winde verstreut. Da war es für unsere Eltern und Großeltern überlebenswichtig, wieder Boden unter die Füße zu bekommen, mit dem Verlustschmerz irgendwie fertig zu werden, die unerreichbar gewordene Heimat wenigstens im Herzen zu bewahren.  Zum Glück gab es Hilfen von außen, nicht zuletzt durch sogenannte Patenschaften, die westdeutsche Länder, Kreise und Städte übernahmen. Sie erleichterten die Organisation von Heimattreffen, unterstützten die Büro-Arbeit der Heimatgruppen, halfen bei der Samamlung von Erinnerungs-Gegenständen. Im rheinischen Siegburg fand eine solche Patenschaftsübernahme vor jetzt 70 Jahren statt, im Mai 1953.

Gewiss, wir leben heute in einer ganz anderen Zeit. Aber soll, darf das alles in Vergessenheit geraten?

Um die Leistungen damals – und in den darauffolgenden Jahrzehnten! –  zu würdigen, regten wir erfolgreich bei unseren Paten, der Kreisstadt Siegburg und beim Rhein-Sieg-Kreis, eine Erinnerungsveranstaltung an, mit Festakt im Siegburger Stadtmuseum und geselliger Schlesischen Kaffeetafel im wunderschönen Haus Schlesien im Siebengebirge.

Darüber gilt es hier zu berichten, für alle, die nicht dabei waren, nicht dabei sein konnten.

Ja, viele wären gern unserer Einladung gefolgt. Das erfuhren wir aus Anrufen und Briefen wie etwa von Kurt Basler in Erfurt oder von Jutta Schulte, geb. Rachner, in Köln. Beispielhaft seien einige Zeilen aus der Post zitiert. Heimatfreund Alfred Hübner in Harsum bei Hildesheim schrieb uns: Vielen Dank für die Einladung und die Festschrift. Ich habe mich sehr gefreut, denn meine Heimat Schlesien und besonders unsere Kreisstadt Bunzlau liegen mir sehr am Herzen. Mein Heimatort ist Paritz bei Naumburg am Queis. Leider muss ich aus gesundheitlichen Gründen absagen. Ich werde am 5. Juli 90 Jahre. Meine Frau betreue ich mit. Sie ist auch Vertriebene und kommt aus dem Ost-Teil der Provinz Brandenburg. – Einen Gruß via E-Mail vermittelte uns Heinz Knappes Enkelin Alisa: Zur 70-Jahrfeier der Patenschaftsübernahme übersende ich aus dem fernen München meine herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Leider ist es mir (Jahrgang 1930) aus gesundheitlichen bzw. Altersgründen nicht möglich, an dieser denkwürdigen Veranstaltung teilzunehmen. Gern denke ich an meine zahlreichen Besuche in Siegburg zurück […] Ich werde mich in Gedanken als Teilnehmer fühlen. Ein besonderer Gruß gilt dem Festredner Stephan Rauhut, mit dem mich mein Geburtsort Thomaswaldau (Kr. Bunzlau) verbindet. Aufgewachsen bin ich in Bunzlau. Alles Gute auch dir, lieber Peter Börner, mit herzlichem Dank für die Leistung der Bunzlauer Heimatgruppe zusammen mit dem ganzen Team über viele Jahre.

Am Ende hatten sich fast 70 Teilnehmer gemeldet, 18 mit direktem oder indirektem Bezug zu Bunzlau, mehrere Schlesier und andere Menschen aus den Vertreibungsgebieten und viele aus dem Kreis der Siegburger Paten.

Sie waren die eigentlichen Adressaten der Veranstaltung. Zum einen wollten wir ihnen danken für jahrzehntelange Unterstützung, zum andern durch sie – als Multiplikatoren – erneut ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen, was sich da 1945 – 1947 im deutschen Osten abgespielt hatte; welche gewaltige Wiederaufbauleistung uns mit vereinten Kräften in den beiden verbliebenen Teilen Deutschlands gelungen war; nicht zuletzt: welche Versöhnungs- und Verständigungsarbeit die Heimatvertriebenen, in diesem Fall die Bunzlauer, auch dank der Unterstützung der Paten, geleistet haben. Patenschaften und Partnerschaften haben sich dabei gegenseitig ergänzt und befruchtet.

Das alles war ein wichtiges Thema in den Ausführungen unseres Festredners Rauhut, der gerade vom Schlesiertreffen in Hannover zurückgekehrt war (Motto in diesem Jahr: „Schlesien ist überall“!) und von Siegburgs Bürgermeister a.D. Franz Huhn, den wir als eloquenten Moderator der Veranstaltung gewinnen konnten. Er hatte durch die seit 1993 bestehende Städtepartnerschaft Siegburgs mit Bunzlau /Bolesławiec das Geschehen persönlich miterlebt und mitgestaltet.

Das Eröffnungsbild der PowerPoint-Präsentation von Peter Börner

Gezeigt wird das Bunzlauer Rathaus auf dem Marktplatz. Das Bild ist umgeben von den Wappen des Rhein-Sieg-Kreises und der Kreisstadt Sieburg, den Paten und Partner der Bunzlauer

Auch Peter Börner blickte mit seinem Lichtbilder-Vortrag (PowerPoint) auf beides zurück, die Patenschaften und die Partnerschaften. Zugleich lenkte er die Aufmerksamkeit auf noch vorhandene, sichtbare Spuren der Patenschaft in Siegburg, etwa die Nachbildung des Großen Topfs im Rathaus-Foyer, die „Bunzlauer Straße“ im Stadtteil Deichhaus, das Ehrenmal für Pfarrer Sauer neben der St. Servatius-Kirche, die an den Kreis Bunzlau erinnernde Vase der Firma Max Werner und den „Bunzlauer Meilenstein“ im Kreishaus.

Die Redebeiträge der Repräsentanten der Paten, Vizelandrätin Kunert und Bürgermeister Rosemann, richteten mehr das Augenmerk auf die Partnerschaften mit Bunzlau (Bolesławiec) und mit dem Landkreis. Die Partnerschaften waren 1992 bzw. 2001 aus den bestehenden Patenschaften hervorgegangen. Bedauerlich war es, dass weder Bunzlaus Bürgermeister Piotr Roman noch Landrat Tomasz Gabrysiak der Einladung folgten. Sie hätten immerhin Vertreter schicken können – oder zumindest eine Gruß-Adresse.  – So bauen wir nicht an dem von Bürgermeister Rosemann zu Recht beschworenen gemeinsamen Europa.

Umso erfreulicher war die Teilnahme von vier Schülerinnen des Gymnasiums Alleestraße in Siegburg. Sie assistierten beim Empfang und beim Bücherverkauf, waren auch aufmerksame Zuhörer während der Veranstaltung. Ihre Sprecherin Alina Hess, Enkelkind von Russland-Deutschen schrieb rückblickend: „Ich danke Ihnen vielmals für die Fotos und das tolle Erlebnis, was wir mitmachen konnten!“

Ihre Vermittlung geschah durch Oberstudienrat Ralf Menge. Er hatte als ganz junger Mann durch den Schüleraustausch Bunzlau kennengelernt und ist seitdem mehrfach dort gewesen. Freilich: Der Schulunterricht allgemein bleibt bezüglich der deutschen Geschichte ab 1945 (Flucht, Vertreibung, Wiederaufbau, 17. Juni, Mauerfall) ein fast unbebautes Feld. Hier sind wir Alten als unentbehrliche Zeitzeugen aufgerufen, z.B. gegenüber unseren Enkelkindern.

Wir hatten bewusst während der Veranstaltung, die nicht ganz zufällig auf dem 17. Juni lag, an den Volksaufstand in der DDR – gleichfalls vor 70 Jahren! – erinnert und die Feierstunde mit dem Singen der Nationalhymne beendet.

Schon vorher hatte ein gemeinsames Lied auf dem Programm gestanden: der von dem Bunzlauer Musiklehrer Werner Gneist gedichtete und komponierte Kanon „Viel Glück und viel Segen!“  Auf diese Weise beglückwünschten wir fünf Personen bzw. die von ihnen vertretenen Institutionen, die aus der Hand unseres Vorsitzenden Ferdinand Idasiak ein spezielles Anerkennungsgeschenk erhielten: das von Peter Höfer (Sankt Augustin) und Peter Börner extra erarbeitete Foto-Buch „70 Jahre Patenschaft. Eine Spurensuche (in Siegburg)“. Einer der Ausgezeichneten, unser langjähriger Mitarbeiter Jochem Birk, berichtete daraufhin spontan von seinen Eindrücken Pfingsten1953 während der Patenschaftsübernahme beim ersten Siegburger Bunzlau-Treffen. Peter Börner zeichnete auf Bühne zehn weitere Personen aus, darunter die langjährigen Dolmetscherinnen Ursula Turowski und Irmgard Merkel. Ihnen und den übrigen wurde quasi als Festschrift der zweisprachige Tagungsband „Persönliche Erinnerungen – Gemeinsames Kulturerbe“ von unserer vorjährigen Konferenz überreicht.

In die Feierstunde hatten wir noch einen weiteren Bezug zur alten Heimat eingebaut: Das Lied von der „Vogelhochzeit“, aufgezeichnet von Hoffmann von Fallersleben im Kreis Bunzlau, köstlich interpretiert von Michel Janssen / Saxophon und Norbert Paar am Klavier.

Die Erinnerungsveranstaltung fand am kommenden Tag einen geselligen und besinnlichen Ausklang in einer „Schlesischen Kaffeetafel“ in Haus Schlesien. Heimatfreundin Inge Lachmann ergänzte das kulinarisch-nostalgische Geschehen mit einem Rübezahl-Gedicht in und mit Ausführungen zur schlesischen Mundart. Peter Börner erläuterte seine Erweiterung der Tischdekoration: kleine Bunzel-Tippel aus der Keramik-Fabrik des Vaters Kurt Börner (um 1952). Anschließend führte er durch die neue Dauerausstellung. Beim Anblick der Flucht-Koffer und -Leiterwagen trug Anneliese Schiede, geboren in Gießmannsdorf im Kreis Bunzlau, jetzt wohnhaft in Sömmerda (Thüringen), spontan aus dem Fluchttagebuch ihrer Mutter vor. Wer kann da unberührt bleiben…?

So war „70 Jahre Patenschaften“ eine facettenreiche Veranstaltung, vielfältig und bunt wie das Schicksal und wie die Menschen aus Stadt und Kreis Bunzlau – damals und heute!

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