Heimatlos in zwei sauberen Baracken.

Veröffentlicht von Peter Börner am

So lebten die ersten Bunzlauer in Siegburg.

Wir dokumentieren in Auszügen einen lesenswerten Artikel aus der Regionalzeitung Kölnische Rundschau von Dienstag, 13. August 1946.

Siegkreis

20 000 Flüchtlinge aus dem Osten!

Bei den Ostflüchtlingen

Im Schatten des Michaelsberges und der Wolsberge hat die Stadt Siegburg auf dem Gelände der Rheinischen Zellwolle[1] für die Ostflüchtlinge Unterkunftsmöglichkeiten in einem Durchgangslager geschaffen. Hier werden die Heimatlosen in zwei sauberen Baracken vorläufig untergebracht. Aus Ostpreußen, Oberschlesien, Niederschlesien, aus Breslau, Liegnitz, Sagan[2] und Bunzlau kommend, wurden sie mit dem Omnibus vom Auffanglager Troisdorf hierher gebracht. Die meisten waren daheim Landwirte. Mit der Unterkunft in der Rheinischen Zellwolle sind sie zufrieden. Ja, sie äußern sich vielfach lobend über die Betreuung, die sie hier gefunden haben.

Der Lagerführer Weber zeigt größtes Verständnis. Er läßt die Familien zusammen und teilt ihnen je nach Kopfzahl das passende Zimmer zu. Es gibt da Zimmer mit 16, 14, 12 und weniger Betten. An den ersten zwei Tagen erhalten die Ankömmlinge Verpflegung aus der Werksküche der Rheinischen Zellwolle, die sehr gelobt wird. Auf Wunsch können sie auch weiter gegen geringe Markenabgabe zum Preise von einer Mark die Woche am Werksessen teilnehmen. In jedem Zimmer ist eine praktische Kochgelegenheit vorhanden, die meist von den Familien benutzt wird. Das Holz wird fleißig in den umliegenden Wäldern gesammelt, da die aufgespeicherten Vorräte schnell aufgebraucht werden. Zusätzlich sind jetzt auch Briketts vorhanden, die vom Lagerleiter ausgegeben werden. Bettzeug haben die Flüchtlinge meist noch in Besitz, Bedürftige erhalten Decken. Die Zimmer sind luftig und geräumig. Tische, Schemel und Bänke sind vorhanden, um den Aufenthalt einigermaßen bequem zu gestalten. In einem besonderen Raume ist für den Arzt eine Untersuchungsmöglichkeit geschaffen. Auch für die hygienischen Einrichtungen ist gesorgt. Jede Baracke besitzt einen Waschraum und Toiletten. Außerdem ist ein Behälter für Wäsche aufgestellt.

Die ersten Transporte sind bereits durch das Lager geschleust. Diese Flüchtlinge sind in Privatquartieren in der Stadt untergebracht worden. Durchschnittlich kommen jedesmal Gruppen von fünfzig Personen an, die dann planmäßig verteilt werden. Außer den Vertretern der Stadtverwaltung nimmt sich die freie Wohlfahrtspflege der Flüchtlinge an.


[1] Es handelt sich um das spätere Phrix-Gelände, heute Turm-Center. Die zugehörigen Baracken waren während des Zweiten Weltkrieges Unterkünfte für „Fremdarbeiter“.

Für die Bewohner und Besucher der Bunzlauer Straße in Siegburg wurde der Zeitungstext laminiert und mit einem Stein beschwert am Patenstadt-Gedenkstein ausgelegt.

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