{"id":929,"date":"2024-03-07T12:37:52","date_gmt":"2024-03-07T11:37:52","guid":{"rendered":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/?p=929"},"modified":"2024-03-08T00:42:53","modified_gmt":"2024-03-07T23:42:53","slug":"die-rolle-der-schlesischen-heimatstuben-bei-der-aufarbeitung-des-heimatverlusts-in-der-fruehen-bundesrepublik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/2024\/03\/07\/die-rolle-der-schlesischen-heimatstuben-bei-der-aufarbeitung-des-heimatverlusts-in-der-fruehen-bundesrepublik\/","title":{"rendered":"Die Rolle der schlesischen Heimatstuben bei der Aufarbeitung des Heimatverlusts in der fr\u00fchen Bundesrepublik"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Referat von Dr. Andrew Demshuk&nbsp; Department of History&nbsp; American University<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>auf der Tagung \u201ePers\u00f6nliche Erinnerungen \u2013 gemeinsames Kulturerbe. Der Umgang mit dem materiellen Erbe der Heimatvertriebenen\u201c am 12. und 13. Mai 2022 in &#8222;Haus Schlesien&#8220;.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst m\u00f6chte ich mich bei Ihnen sehr bedanken f\u00fcr diese gro\u00dfz\u00fcgige Einladung, die Forschungsergebnisse meines ersten Buches <em>Das Verlorene Deutsche Osten: Zwangsmigration und die Politik der Erinnerung <\/em>(mit Cambridge University Press im Jahr 2012 erschienen) Ihnen mitteilen zu k\u00f6nnen. Bevor ich Ihnen meine Sicht von der wissenschaftlichen Bedeutung der schlesischen Heimatstuben als einer einzigartigen und unersetzlichen Quelle f\u00fcr Historiker mitteile, finde ich es nur gerecht zu kl\u00e4ren, warum ich eine so starke Beziehung zu dieser Heimatgruppe, zur Patenstadt Siegburg und zur Geschichte der Stadt Bunzlau \/ Boles\u0142awiec gefunden habe.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1569\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20220512_143334-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-930\" style=\"width:842px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20220512_143334-scaled.jpg 2560w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20220512_143334-1300x797.jpg 1300w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20220512_143334-768x471.jpg 768w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20220512_143334-1536x941.jpg 1536w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/20220512_143334-2048x1255.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Prof. Dr. Andrew Demshuk (Universit\u00e4t Washington) hielt sein  Referat in deutscher Sprache. <\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p style=\"font-size:0px\"><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl ich selbst keine pers\u00f6nliche Beziehung zur Geschichte Schlesiens oder der Ausweisung der Deutschen aus Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg habe, hatte ich seit meiner Bachelor-Arbeit ein gro\u00dfes Forschungsinteresse an den verlorenen deutschen Ostgebieten. Kaum ein amerikanischer Student wei\u00df, dass Deutschland ein Viertel seines Gebietes nach dem 2. Weltkrieg verloren hat (obwohl unsere Pr\u00e4sidenten Roosevelt und Truman mit Stalin und Churchill bei Jalta und Potsdam diesen Grenzen miteinander abstimmten) oder dass ungef\u00e4hr ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung der sp\u00e4teren Staaten Nachkriegsdeutschlands aus diesen Gebieten stammte. Mir war das eine Offenbarung, als ich als 20-j\u00e4hriger feststellte, dass Preu\u00dfen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig schwer an der Schuld Nazideutschlands tragen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte wissen, was aus diesen Millionen von Fl\u00fcchtlingen geworden ist. Wieso haben sie sich mit dem Verlust der Heimat abgefunden? Wieso gab es Frieden in Europa, obwohl sie die Heimat so traumatisierende Weise verloren haben und ihre politischen F\u00fchrer immer wieder die R\u00fcckgabe der alten Heimat forderten?<\/p>\n\n\n\n<p>So waren die ersten Fragen, die ich als Doktorand an der Universit\u00e4t Illinois in den USA stellte, als ich meine Dissertation anfing. Am allerwichtigsten war f\u00fcr mich, so weit wie m\u00f6glich die normalen Stimmen der Vertriebenen zu finden, um besser verstehen zu k\u00f6nnen, wie sich ganz unterschiedliche Individuen aus Schlesien im stark angespannten politischen Klima der fr\u00fchen Bundesrepublik mit dem Verlust ihrer historischen ostdeutschen Heimat abgefunden haben. Anders als bei der gro\u00dfen Mehrheit der damaligen Kulturmedien und sogar der Fachliteratur stritt ich wider den Mythos, dass die Bewahrung der Erinnerungen und Verbindungen an die alte Heimat ein Beweis f\u00fcr ein revanchistisches Vorhaben war. Im Gegenteil! Mich \u00fcberzeugten meine Quellen vielmehr, dass das Wachhalten von Erinnerungen an die alte Heimat sogar den Frieden dienen konnte, weil es den Vertriebenen half, sich mit dem Verlust der Heimat abzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab Sommer 2007 wurde ich DAAD-Stipendiat beim Herder-Institut in Marburg, wo ich eine lebendige und sehr informative wissenschaftliche Gemeinde, viele Fachliteratur und die kaum erforschte Prim\u00e4rquelle der ostdeutschen Heimatzeitungen vorfand. Hinter den generell sehr polemisch rechtsstehenden Hauptseiten jeder Heimatzeitung entdeckte ich Gedichte, Erinnerungen, fantasievolle Reisen zum Land der Vergangenheit, Berichte von Heimattreffen und ab 1956 eine immer gr\u00f6\u00dfere Welle von Reiseberichten aus den polnischen Westgebieten. So dehnten sich meine Fachkenntnisse weiter aus. Aber mein Verstehen f\u00fcr die damalige Erinnerungskultur wollte ich so weit wie m\u00f6glich vertiefen. Ich brauchte Quellen aus den Gemeinden, deren Mitglieder in der fr\u00fchen Bundesrepublik ein neues Zuhause suchten.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Tagebucheintrag von 26. September 2007 lese ich, dass ich versuchte, neue Quellen f\u00fcr meine Dissertation im Portal der ostdeutschen Heimatstuben auf der Webseite des schlesischen Museums zu G\u00f6rlitz zu finden. Die vier schlesischen Heimatgruppen, die besonders aktiv und interessiert reagierten, w\u00fcrden meine Aufmerksamkeit gewinnen. So konzentrierte ich meine Forschung insbesondere auf die in Westdeutschland lebenden Vertriebenen aus Brieg \/ Brzeg mit ihrer Patenschaft in Goslar, die Vertriebenen aus Liegnitz mit ihrer Patenschaft in Wuppertal, die Vertriebenen aus Gleiwitz mit ihrer Patenschaft in Bottrop und die Vertriebenen aus Bunzlau mit ihrer Patenschaft in Siegburg. In meinem Tagebuch lese ich, dass diese letzte Gruppe mir besonders angenehm auffiel, weil der Leiter der Heimatgruppe, ein Herr Peter B\u00f6rner, sich \u201ebegeistert von der Zusammenarbeit\u201c zeigte, und dass die Bunzlauer ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfes Interesse hatten, die Erinnerungen an die alte Heimat sogar im 21. Jahrhundert wachzuhalten und au\u00dferdem eine lebendige Beziehung zu den polnischen B\u00fcrgern, die im heutigen Boles\u0142awiec wohnen, aufzunehmen. Einige Seiten weiter im Tagebuch lese ich, dass ich am 16. Oktober 2007 in Haus Schlesien meine Forschung fortsetzte. Hier lernte ich die Archivarin Silke Findeisen kennen, \u201eeine junge, sehr begabte Wissenschaftlerin, die viele Kenntnisse zu allem Schlesischen besitzt und viel in der Zeitschrift von Haus Schlesien schreibt.\u201c Bei sp\u00e4teren Fachtagungen und in unserer Korrespondenz habe ich nachher meine liebe Kollegin Cornelia Eisler kennengelernt und mit ihr viele Ideen ausgetauscht. Heute ist es eine gro\u00dfe Freude f\u00fcr mich, einige der Bunzlauer an diesem Festtag wiederzusehen, denen ich zum ersten Mal w\u00e4hrend dieser Reise im Rheintal in Siegburg begegnete, und ich gedenke der lieben Mitglieder dieser Gemeinde, die inzwischen gestorben sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es &nbsp;geschah am 18. Oktober 2007- dem 31. Geburtstag von Rebecca, meiner k\u00fcnftigen Frau- als ich zum ersten Mal Peter B\u00f6rner begegnete und die reichen Quellen aus der Bunzlauer Heimatsammlung auswertete. Dank der gro\u00dfz\u00fcgigen Gastfreundschaft von Peter und seinen Kollegen kam ich mir wirklich wie ein K\u00f6nig unter so vielen Dokumenten vor, die die Geschichte der Heimatgruppe selbst darstellten und die Geschichte der Aufarbeitung des Verlusts der lieben Heimat dokumentierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier m\u00f6chte ich f\u00fcr einen Moment einige Jahre in die Zukunft meiner damaligen Geschichte blicken. N\u00e4mlich: Was waren die Thesen meines Buches, als es in der Cambridge University Press im Jahr 2012 erschien? Dank meinen grundlegenden Forschungen behauptet dieses Buch &nbsp;ebenso wie viele meiner Artikel-Projekte, dass der Vorwurf vollst\u00e4ndig falsch war, die Vertriebenen h\u00e4tten ausschlie\u00dflich revanchistische Absichten gehabt, wenn sie ihrer alten Heimat gedachten. So lief ja der normale Vorwurf! Nur den Vertriebenen, die bereit waren, die alte Heimat aufzugeben und zu vergessen, w\u00fcrde es m\u00f6glich werden, Frieden zu stiften. Erst das Vergessen erm\u00f6gliche eine erfolgreiche Integration, die den Frieden f\u00fcr Europa bringen kann. Weil die politischen F\u00fchrer der Landsmannschaften und vieler Heimatgruppen (und sogar der westdeutsche Staat) vor 1970 die Grenzen von 1937 forderten, war es f\u00fcr die Historiker und Kulturkritiker im fr\u00fchen 21. Jahrhundert leicht zu glauben, alle Vertriebene teilten diese Anschauung. Sie s\u00e4\u00dfen auf ihren Koffern und warteten, bis sie die alte Heimat wieder zur\u00fcckerobern k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das war nicht die volle Wahrheit f\u00fcr die gro\u00dfe und nicht so schweigende Mehrheit der Vertriebenen, wenn man die M\u00fche auf sich nahm, aus den Prim\u00e4rquellen ihr Gedenken, ihr Schreiben und ihre Handlungen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten zu verfolgen. Neben meiner sehr intensiven Auswertung der Heimatzeitungen, Tageb\u00fccher und Interviews waren mir die Heimatarchive unersetzliche Quellen, um die verlorenen Stimmen dieser schon damals aussterbenden Generation zu dokumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Quellen stellte ich fest, dass das Verlangen eines \u201eRechts auf die Heimat\u201c ziemlich schnell verschiedene Bedeutungen bekam, als die Vertriebenen ein neues Zuhause in Westdeutschland fanden. Auf der einen Seite forderten die Vertriebenenverb\u00e4nde sowie die nicht organisierten Vertriebenen ein Recht auf ein kulturell und wirtschaftlich w\u00fcrdiges Zuhause im Westen. Dabei spielten die Heimatgruppen und Patenschaften eine gro\u00dfe Rolle beim Verwurzeln der Vertriebenen im fremden Boden des Westens. Ihre \u201emenschliche Heimat\u201c fanden sie wieder, wenn sie das j\u00e4hrliche Heimattreffen in der Patenstadt besuchten, ein Exemplar des Heimatbuchs kauften oder Relikte aus der verlorenen Heimat in ihrem Heimatmuseum besichtigten. Au\u00dferdem bedeutete das \u201eRecht auf die Heimat\u201c ein Recht auf Erinnerung. Aber auf welche Erinnerung?<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Bildb\u00e4nden, Gedichten mit imagin\u00e4ren Besuchen in der alten Heimat oder Gespr\u00e4chen bei Heimattreffen ergab sich immer wieder als erster Schritt dieses Prozesses der Abfindung mit dem Verlust der Heimat ein Geschehen, das ich als \u201eBeheimatung in der Erinnerung\u201c bezeichnete. Man sehnte sich nach einer verlorenen Heimat, in der alles immer und ewig sch\u00f6n und fortschrittlich und gem\u00fctlich gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig gab es ein genauso fantasievolles Bild der alten Heimat, worin alles zerst\u00f6rt, barbarisch und verfremdet aussah. Diese zweite Seite des Prozesses nannte ich \u201edie transformierte Heimat.\u201c Die Kluft zwischen beiden Heimatbildern nahm zu, als die Zeit verging, bis man im Gro\u00dfen und Ganzen lieber in der Erinnerung leben wollte, als tats\u00e4chlich zur\u00fcck in die alte Heimat zu fahren, um dort zu wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Teil entwickelte sich diese neue Beziehung zum alten Heimatboden weiter, als man insbesondere ab 1956 neue Bildb\u00e4nde und Berichte aus den westpolnischen Gebieten in die Hand bekam, worin man von einer modernen und lebendigen polnischen Kulturlandschaft erfuhr, was zeigte, dass die alte Heimat jetzt in guten H\u00e4nden war, aber die hatte immer weniger mit der Heimat der Erinnerung zu tun. Besonders wichtig f\u00fcr diese Entwicklung waren Reisen als Touristen in die alte Heimat, die ab 1956 und insbesondere ab 1970 immer mehr zunahmen. So erlebten viele Vertriebene ganz pers\u00f6nlich, wie sich die alte Heimat ver\u00e4ndert hatte, und oftmals, wer die polnischen Neub\u00fcrger waren, die dort ein neues Zuhause gefunden hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sammlungen der Bunzlauer Heimatgruppe halfen mir sehr, aus Fallbeispielen viele neue Einsichten f\u00fcr meine entwickelnden Thesen zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel wurde die Heimatsammlung von Anfang an als Versuch angelegt, die Erinnerung an die alte Heimat wachzuhalten. Im Jahr 1956 verk\u00fcndigte die Witwe des letzten deutschen B\u00fcrgermeisters von Bunzlau, Frau Siemianowsky: \u201cDa z.Zt. noch keine Aussicht besteht, in unsere schlesische Heimat zur\u00fcckzukehren, soll Heimatgut gesammelt werden, um in der Patenstadt Siegburg auch f\u00fcr unsere Kinder und Kindeskinder eine St\u00e4tte der Erinnerung an Stadt und Kreis Bunzlau zu schaffen. Die Bundesheimatgruppe hat deshalb den Siegkreis als Paten gebeten, einen Raum f\u00fcr die Unterbringung dieses Materials zur Verf\u00fcgung zu stellen.\u201d Die Landsleute sollten dazu beitragen durch \u201cErzeugnisse des Handwerks und der Industrie aus Stadt und Kreis Bunzlau (Ton, Keramik, Glas usw.), Chroniken, Heimatkalender und anderes Schriftgut, Bilder, u.a. Die \u00dcberlassung kann leihweise erfolgen, falls sich der Landsmann nicht f\u00fcr immer von dem Gegenstand trennen will.\u201d<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Dieser verbreitete Anruf schuf das Fundament der heutigen Sammlung, die die enge Beziehung der damaligen Bunzlauer zu ihrer alten Heimat beweist.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1332\" height=\"964\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/CCF05082013_0000_24.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-993\" style=\"width:506px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/CCF05082013_0000_24.jpg 1332w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/CCF05082013_0000_24-1300x941.jpg 1300w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/CCF05082013_0000_24-768x556.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1332px) 100vw, 1332px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Genauso wichtig f\u00fcr die Gestaltung der \u201eHeimat der Erinnerung\u201c sowie des \u201eRechts auf Heimat\u201c im Westen waren der Bunzlauer Meilenstein sowie das Bunzlauer B\u00fchnenbild. Beide Symbole wurden beim 6. Heimattreffen im Jahr 1960 in der Patenstadt Siegburg eingeweiht. Auf dieser buchst\u00e4blichen B\u00fchne der Erinnerung hielten viele Bunzlauer die alten Erinnerungen fest, gerade als auch sie erkennen mussten, dass ihnen die physische Heimat, die sie wollten, f\u00fcr immer verlorengegangen war. Genauso war es bei den Heimatreisen, die in der Heimatzeitung und bei den Heimattreffen mit gro\u00dfem Interesse mitgeteilt wurden. Obwohl dieses Ph\u00e4nomen schon vor dem Warschauer Abkommen stattfand, dessen Unterzeichnung das Ende meines ersten Buches darstellt, breitete sich die Heimweh-Tourismus-Bewegung im Lauf der 1970er Jahren noch viel weiter aus, und damit wussten sogar viel mehr Vertriebene, dass Bunzlau f\u00fcr immer Boles\u0142awiec bleiben w\u00fcrde. So berichtete Herman Boeck aus Braunschweig 1976 seinen Landsleuten in Siegburg von der Besichtigung des Elternhauses seiner Schwester auf dem Auenweg in Bunzlau. \u201cTiefersch\u00fcttert teilte sie mir nun mit, da\u00df im n\u00e4chsten Jahr unsere G\u00e4rtnerei verschwindet. Auf dem Gel\u00e4nde soll eine Hochhaussiedlung gebaut werden. Auf dem neben der G\u00e4rtnerei gelegenen Sportplatz wird bereits Baumaterial angefahren.\u201d<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Alles \u00e4nderte sich. Bunzlau geh\u00f6rte jetzt einer anderen Volksgruppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuche, eine Verbindung zu den polnischen Ansiedlern in Boles\u0142awiec herzustellen, nahmen ebenfalls zu. Nach dem Scheitern eines Versuchs der Heimatgruppe, sogar schon in den 1970er Jahren die Patenschaft durch eine Partnerschaft zu erg\u00e4nzen, gab es letztendlich nach dem Kalten Krieg in den 1990er Jahren eine echte offizielle Verbindung mit der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags im Jahr 1992, wobei die Patenschaft der Stadt Siegburg zu den deutschen Bunzlauern aufrecht erhalten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein n\u00e4chstes gro\u00dfes Buchprojekt wuchs auf dem Fundament meiner Fachkenntnisse zum Nachkriegszustand in Schlesien. Im Geist der deutschen Habilitation w\u00e4hlte ich ein neues Thema, das die moderne Architektur, historisierende Repliken und Denkmalpflege in Frankfurt am Main und Leipzig mit Wroc\u0142aw (Breslau) verglich. Die wachsende Aneignung der polnischen Bev\u00f6lkerung mit ihrem neuen Zuhause in Schlesien sowie die Wahrnehmung der Vertriebenen von den baulichen Ver\u00e4nderungen in der alten Heimat blieben feste Bestandteile meiner Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein k\u00fcnftiges Projekt wird noch direkter auf dem Fundament meines ersten Buches wachsen. In etwa \u00fcbersetzt als <em>Die fremde Heimat: Menschliche Begegnungen nach der Zwangsmigration auf einem deutsch-polnischen Grenzland, 1970-2000<\/em> wird dieses Projekt das Heimweh-Tourismus-Ph\u00e4nomen und die Verflechtung der neuen polnischen Gemeinden in Schlesien mit den Vertriebenen in der Bundesrepublik und der DDR tiefer ausloten. Ich m\u00f6chte zeigen, wie normale Menschen, die Zwangsmigration erlebten, auf den ethnisch ges\u00e4uberten Kulturlandschaften im Herzen Europas Frieden in der \u00c4ra der Ostpolitik stifteten, weil sie sich kennengelernt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlie\u00dfe mein Referat mit einem R\u00fcckblick auf die Beziehung, die meine Frau und ich zu Bunzlau \/ Boles\u0142awiec <em>und<\/em> Siegburg fanden und f\u00fcr immer behalten werden. Meine liebe Frau stammt aus Kanada und ist Historikerin f\u00fcr russische Musikgeschichte am Middlebury College in Vermont. Im Februar 2007 hatten wir uns an unserer Universit\u00e4t Illinois in den USA kennengelernt. Schon als sie mich von Russland kommend in Marburg besuchte und wir eine Reise nach Siegburg unternahmen, haben wir festgestellt, dass wir ewig zusammenbleiben wollten. Es war kurz nach dem Tag im November 2007, als Peter B\u00f6rner dieses Foto von uns im Kreisgeb\u00e4ude beim Bunzlauer Meilenstein aufgenommen hat, dass ich meine liebe Rebecca fragte, ob sie mich heiraten will. Im Mai 2008 haben wir eine abenteuerliche Wanderung auf Landstra\u00dfen zwischen Bunzlau und Hirschberg unternommen. So m\u00fcde waren unsere F\u00fc\u00dfe, dass wir nicht mehr die Gelegenheit erhielten, die Schneekoppe zu erleben. Die wartet auf einen k\u00fcnftigen Besuch, bei dem wir ganz bestimmt unseren jetzt 3\u00bd-j\u00e4hrigen Jungen Archie Ray mitnehmen, der schon so gerne \u00fcberall im Wald in Vermont wandert. In meinem B\u00fcro in Washington habe ich Teegeschirr aus Boles\u0142awiec, und meine Studenten, Kollegen und wissenschaftliche G\u00e4ste erkundigen sich immer wieder nach diesem sch\u00f6nen Geschirr, wenn ich ihnen Tee und Teekuchen im B\u00fcro anbiete. Als eine Doktorandin von mir und einer Kollegin in einer Nachbaruniversit\u00e4t ihre Dissertation \u00fcber die Erinnerungen der schlesischen Vertriebenen verteidigte, gab sie mir einen Krug aus Boles\u0142awiec, weil sie wusste, dass \u201eBunzlauer Ton\u201c so viele sch\u00f6ne Beziehungen f\u00fcr mich wachh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also kann das Einpacken von Archivb\u00e4nden und -best\u00e4nden aus dem Bunzlauer Heimatarchiv kein Ende dieser Geschichte f\u00fcr mich bedeuten. Ich m\u00f6chte die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf diese Sammlung weiter wachhalten. K\u00fcnftige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen m\u00fcssen die Gelegenheit haben, diese Quellen zu finden und auszuwerten. Ziemlich wehm\u00fctig muss ich aber anerkennen, dass die Erlebnisgeneration &#8211; diese barmherzigen Seelen mit ihren reichen Kenntnissen &#8211; k\u00fcnftig fehlen werden. So bleibe ich mein Leben lang sehr dankbar f\u00fcr die gro\u00dfe Gelegenheit, diese Gruppe mit ihren Inspirationen und Einsichten erlebt zu haben. Siegburg, Bunzlau, Boles\u0142awiec und die Bunzlauer Heimatgruppe, sie alle werden Heimat f\u00fcr mich bleiben, auch dann, wenn sich das auch f\u00fcr mich mehr und mehr zu einer Art von \u201eHeimat der Erinnerung\u201c entwickeln wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Bundesheimatgruppe Bunzlau, Siegburg an die Bunzlauer Heimatzeitung, Siegburg, 21. Februar 1956, HB 1954-79.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Hermann Boeck \/ Bunzlauer Heimatgruppe Braunschweig, September 16, 1976,&nbsp;HB 1954-79.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Referat von Dr. Andrew Demshuk&nbsp; Department of History&nbsp; American University auf der Tagung \u201ePers\u00f6nliche Erinnerungen \u2013 gemeinsames Kulturerbe. Der Umgang mit dem materiellen Erbe der Heimatvertriebenen\u201c am 12. und 13. Mai 2022 in &#8222;Haus Schlesien&#8220;. 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