{"id":1790,"date":"2024-07-14T17:25:06","date_gmt":"2024-07-14T15:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/?p=1790"},"modified":"2024-07-14T17:25:08","modified_gmt":"2024-07-14T15:25:08","slug":"die-concordia-spinnerei-und-weberei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/2024\/07\/14\/die-concordia-spinnerei-und-weberei\/","title":{"rendered":"Die \u201eConcordia\u201c, Spinnerei und Weberei"},"content":{"rendered":"\n<p>Wabnitz, Bunzlau. Erstver\u00f6ffentlichung im \u201eHeimatbuch des Kreises Bunzlau\u201c. Selbstverlag der Herausgeber. Druck von L. Fernbach, Waisenhausdruckerei und Verlagsanstalt. 1925<\/p>\n\n\n\n<p>Samson Woller, aus Schlesien geb\u00fcrtig, hatte etwa 10 Jahre lang in Bradford (England) eine Kammgarnspinnerei betrieben und kam im Jahre 1854 nach Deutschland, um in Marklissa unter der Firma der Gebr\u00fcder Woller eine Spinnerei zur Herstellung englischer Glanzgarne zu errichten, die er in einer gleichzeitig erbauten Weberei als Schu\u00dfgarne f\u00fcr Futter-, Sch\u00fcrzen- und Unterrockstoff verwendete. Diese Waren sind bis zum Jahre 1854 von deutschen Gro\u00dfkaufleuten nur von England bezogen worden, und die deutsche Industrie begr\u00fc\u00dfte daher die bahnbrechende, gro\u00dfz\u00fcgige T\u00e4tigkeit S. Wollers. Bald mu\u00dfte die Zahl der Webst\u00fchle, die anfangs 150 betrug, erheblich vermehrt werden, die eigene Spinnerei konnte nicht gen\u00fcgend Garne zu deren Betrieb liefern, und es mu\u00dften vor\u00fcbergehend wieder englische Gespinste Verwendung finden.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"680\" height=\"1113\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/843-Concordia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1791\" style=\"width:305px;height:auto\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Als im Jahre 1871 in Bunzlau die Oberm\u00fchle ein Raub der Flammen wurde, erstand Samson Woller die Ruine mit der zum Grundst\u00fcck geh\u00f6renden Wasserkraft und errichtete eine mit allen Verbesserungen der Neuzeit ausgestatteten Kammgarnspinnerei, um sich mit den Schu\u00dfgarnen f\u00fcr die Weberei von England unabh\u00e4ngig zu machen. Etwa 1500 Spinnspindeln wurden bereits 1873 in Betrieb gesetzt, die Schafwolle dazu von England und dessen Kolonien bezogen, in Bunzlau sortiert, gewaschen und gek\u00e4mmt, englische Werkmeister wurden den einzelnen Fabrikationsabteilungen vorgesetzt um den Herstellungsproze\u00df des Garnes soweit als nur m\u00f6glich dem englischen anzupassen. Bald wurden neben den Schu\u00dfgarnen f\u00fcr die eigene Weberei auch solche f\u00fcr die gr\u00f6\u00dferen Webereifirmen in Zittau und Elberfeld hergestellt, von denen es freudig begr\u00fc\u00dft wurde, mit deren Bezug nicht mehr ausschlie\u00dflich auf englische Spinner angewiesen zu sein. Mit der Vergr\u00f6\u00dferung der Spinnerei wurde noch die Fabrikation von Pl\u00fcsch- und Mokettegarn Handels- und Maschinenstrickgarnen aufgenommen und das schwierige Problem des Spinnens von englischen Moh\u00e4rgarnen gel\u00f6st, mit denen die gro\u00dfen Pl\u00fcschfabriken des Rheinlandes und Sachsens beliefern werden. Trotz des geringen Zollschutzes, den die in dem Werk hergestellten Garne genossen, t sich die Fabriken doch immer mehr vergr\u00f6\u00dfern und ihren Kundenkreis erweitern, so da\u00df heute etwa 30000 Spinnspindeln, 4000 Zwirnspindeln und 1500 Webst\u00fchle einem Arbeiterstamm von 2500 Personen Besch\u00e4ftigung geben. Eine gro\u00dfe F\u00e4rberei erm\u00f6glicht die Lieferung der Garne in den Modernsten und reichhaltigsten Farben. Als Betriebsmaschinen dienten ein Dieselmotor von der Maschinenfabrik Augsburg N\u00fcrnberg von 1000 und zwei Wasserturbinen von je 250 Pferdest\u00e4rken; au\u00dferdem versieht die \u00dcberlandzentrale Hirschberg die Werke mit etwa 500 Pferdekr\u00e4ften elektrischer Kraft. F\u00fcnf gro\u00dfe Dampfkessel versorgten den Betrieb mit Dampf und entsenden ihen Rauch in zwei Schornsteinen von ungef\u00e4hr 40 m H\u00f6he.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1098\" height=\"694\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/844-Concordia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1792\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/844-Concordia.jpg 1098w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/844-Concordia-768x485.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1098px) 100vw, 1098px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Weltkrieges, bei dessen Beginn die englischen Werkmeister nach Ruhleben gefangen gesetzt wurden, hatten die Werke harte Pr\u00fcfungen zu bestehen, da sie mit dem Rohmaterial, das nur vom Ausland bezogen werden kann, g\u00e4nzlich von letzterem abgeschlossen waren. Um die zahlreichen Arbeiter besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnen und sie die H\u00e4rte des Krieges nicht allzusehr f\u00fchlen zu lassen, wurden zu wiederholten Malen bedeutende Umstellungen des Betriebes vorgenommen. Ziegen- und Menschenhaare wurden anstatt der Schafwolle versponnen, und die daraus gefertigten Garne dienen zur Herstellung von Treibriemen, deren Dauerhaftigkeit den Lederriemen nicht nachstand, ja die Firma Krupp zog die Fallgatter-Riemen aus Menschenhaaren den Lederriemen sogar vor. Als auch dieses Haarmaterial nicht mehr aufzutreiben war, mu\u00dften die Spinnmaschinen umgestellt werden, vielleicht der schwierigste Verwandlungsproze\u00df, den die Fabriken im Kriege zu bestehen hatten. Aber auch er ist gelungen, und die Papiergarne haben es m\u00f6glich gemacht, einige Jahre den Betrieb aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen. Aus diesen Papiergarnen wurden W\u00e4sche, Decken, Gardinen, Teppiche und Eisenbahnabteilbez\u00fcge hergestellt, und es klingt erstaunlich, da\u00df beispielsweise Handt\u00fccher aus Papiergarn eine 10 bis 12 malige W\u00e4sche \u2013 allerdings in vorgeschriebener Form \u2013 ausgehalten haben. W\u00e4hrend der Kriegsjahre wurden noch zwei kleinere Webereien in Steinkirch bei Marklissa und in Reichenau in Sachsen den Werken angegliedert. Dem Beispiel der gr\u00f6\u00dferen Fabriken in Deutschland folgend, wurde eine Anzahl kostspieliger Drehb\u00e4nke in Steinkirch und in Bunzlau aufgestellt und damit leichte und schwere Granaten in ziemlich bedeutendem Umfange gedreht, zu deren Abnahme ein Offizier in Steinkirch st\u00e4ndig stationiert war. Die Umwandung der Firma Gebr\u00fcder Woller in eine Aktiengesellschaft erfolgte im Jahre 1888 und umfa\u00dfte die Fabriken Bunzlau und Marklissa mit Steinkirch und Reichenau.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gr\u00fcndungskapital betrug 3 Millionen Mark. Der erste Vorsitzende der jungen Aktiengesellschaft war der Begr\u00fcnder der Firma, Herr Samson Woller, der 1899 des gro\u00dfen Alters wegen zur\u00fcckgetreten und 1900 auf seinen bedeutenden G\u00fctern in Dlonie gestorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihm hat die deutsche Textilindustrie einen ihrer bedeutendsten F\u00fchrer verloren. Im Jahre 1918 erweiterte die Bunzlauer Fabrik ihren Grundbesitz. Das ansto\u00dfende Gel\u00e4nde der G\u00e4rtnerei Lorenz und ein gro\u00dfes Ackerst\u00fcck in Burglehn wurden erworben und durch diese Grundst\u00fccke eine Verbindungsstra\u00dfe mit einer gro\u00dfen Betonbr\u00fccke \u00fcber den M\u00fchlgraben gebaut. Die neue Stra\u00dfe erhielt den Namen Concordiastra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Stadtbild hat durch den Ausbau eine erhebliche Versch\u00f6nerung erfahren, da auch die alten G\u00e4rtnereih\u00e4user in moderne Beamtenwohnungen umgebaut wurden, wodurch 14 Familien bequeme Unterkunft finden konnten. Die Spinnerei in Bunzlau besitzt eine eigene gutgeschulte Feuerwehr von 50 Personen, die mit den modernsten Einrichtungen versehen ist und schon oft die St\u00e4dtische Wehr bei Brandungl\u00fccken erfolgreich unterst\u00fctzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fabriken unterhalten eine Fabrikantenkasse, durch die ihren Arbeitern und deren Familien in Krankheitsf\u00e4llen \u00e4rztliche Hilfe und angemessene Unterst\u00fctzung zu Teil wird. Eine Pension\u00e4rskasse und ein Arbeiter-Unterst\u00fctzungsfonds mildern arbeitsunf\u00e4hig gewordenen Personen die Sorgen des Alters. Durch diese soziale F\u00fcrsorge besteht ein gutes Einvernehmen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber, und ernste Konflikte sind bisher nicht entstanden. Die Folgen des Krieges sind nat\u00fcrlich auch an den Concordiawerken nicht spurlos vor\u00fcbergegangen. Durch den Verlust von deutschen Landesteilen und durch die behinderte Ausfuhr wird die Besch\u00e4ftigung erschwert, auch hat eine verst\u00e4ndnislose Zollpolitik den gehegten Weiterausbau der Fabrik ung\u00fcnstig beeinflu\u00dft. Im Interesse der zahllosen Arbeiter und nicht zuletzt auch der deutschen Industrie darf man erwarten, da\u00df die Regierung die Produkte der heimischen Spinnereien und Webereien gegen die ausl\u00e4ndische Konkurrenz durch&nbsp; entsprechenden Zollschutz sicherstellen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Concordia Spinnerei und Weberei AG<\/h2>\n\n\n\n<p>Von Johannes Merkel (ehemals Prokurist in der Concordia). Erstver\u00f6ffentlichung in der \u201eBunzlauer Heimatzeitung\u201c, Ausgabe 11\/1964.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1097\" height=\"698\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/847-Concordia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1793\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/847-Concordia.jpg 1097w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/847-Concordia-768x489.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1097px) 100vw, 1097px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nachdem der Betrieb Anfang der 30er Jahre wie die gesamte Industrie mit gro\u00dfen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen hatte, kam dann ein langsamer stetiger Aufschwung. Die Erzeugnisse des Betriebes waren \u00fcberall gesch\u00e4tzt und wurden bis in die Balkanl\u00e4nder und die T\u00fcrkei versandt. Im Krieg traten dann wesentliche Ver\u00e4nderungen ein, der Bezug der guten Schafwolle aus England war nicht mehr m\u00f6glich, die Rohstoffe wurden von Staatswegen kontingentiert, und es wurde zuletzt sogar wieder auf einigen Maschinen Papiergarn gesponnen, wie im ersten Weltkriege.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1341\" height=\"1000\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10189-R-Luftaufnahme.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1794\" style=\"width:429px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10189-R-Luftaufnahme.jpg 1341w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10189-R-Luftaufnahme-1300x969.jpg 1300w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10189-R-Luftaufnahme-768x573.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1341px) 100vw, 1341px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Bunzlauer Betrieb hatte eine eigene Abrechnung, aber die zentrale Verwaltung befand sich in Marklissa im Isergebirge, wo sich eine gro\u00dfe Kunstseidenweberei befand. Manchem Mitarbeiter werden noch die Namen der damaligen Direktoren in Marklissa bekannt sein, zuerst Herr Wettly, dann die Herren Roepel und Thomas. In dem landschaftlich sehr sch\u00f6n gelegenen St\u00e4dtchen Sch\u00f6nbach s\u00fcdlich von L\u00f6bau in Sachsen geh\u00f6rte zur Concordia auch noch eine kleine Kunstseidenweberei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jahresurlaub des gesamten Betriebes war sehr oft in der Woche nach Pfingsten, denn viele der besch\u00e4ftigten Frauen gingen dann in die Zeche oder in die anderen umliegenden Waldungen, um die so beliebten Blaubeeren oder Heidelbeeren zu sammeln. An die dann im Sommer veranstalteten sch\u00f6nen Betriebsfeste, wozu auch die Ehegatten und Kinder geladen waren, werden sich sicherlich viele Concordianer noch erinnern. Besondere Verdienste um das Zustandekommen und das gute Gelingen hat sich dabei der Betriebsrat, Herr Malchrezycki, genannt \u201eMale\u201c, erworben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ging es immer sehr lebhaft und fr\u00f6hlich zu, es waren W\u00fcrfelbuden und Schie\u00dfst\u00e4nde aufgebaut, die Musik spielte zu Unterhaltung und Tanz. F\u00fcr die Kinder gab es viele Belustigungen und Spiele mit S\u00fc\u00dfigkeiten als Gewinne und abends einen Heimweg mit Musik und bunten Lampions. In einem Sommer war sogar ein gro\u00dfes Karussell gemietet worden, was den Kindern besonderen Spa\u00df machte. Einmal war das Fest schon am 1. Mai dra\u00dfen in Neu-Breslau, da war es aber noch sehr k\u00fchl, vormittags wechselten Sonnenschein und Schneeschauer miteinander ab.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"851\" height=\"570\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/12652-Hoffmann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1795\" style=\"width:516px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/12652-Hoffmann.jpg 851w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/12652-Hoffmann-768x514.jpg 768w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/12652-Hoffmann-360x240.jpg 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 851px) 100vw, 851px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Einmal kamen wir auch im Waldschlo\u00df zusammen, meistens aber in dem so sch\u00f6n am Bober gelegenen Schweizerhaus. F\u00fcr eine Weihnachtsfeier war auch einmal das Theater gemietet worden, allerdings konnten dazu die Familienangeh\u00f6rigen nicht eingeladen werden, da die Pl\u00e4tze nur gerade f\u00fcr die Belegschaft ausreichten. Welches St\u00fcck uns damals geboten wurde, ist meinem Ged\u00e4chtnis entfallen. Als Bunzlau Garnisonsstadt wurde, hat auch die Milit\u00e4rkapelle einige Male zur Mittagspause im Betrieb flotte Weisen gespielt. Bei schlechtem Wetter war das Konzert im gro\u00dfen Shedbau zwischen den Selfaktorspinnmaschinen, wo die Akustik besser war als im Freien.<\/p>\n\n\n\n<p>In der von Herrn Linke erw\u00e4hnten Villa an der Spittelbr\u00fccke wohnten zuletzt der Prokurist Herr Mensing und der Expedient Herr Lange. Der gro\u00dfe Dieselmotor, dessen schweres Arbeiten sich wie Erdbebenwellen bis zu dieser Villa bemerkbar machte und sie zum Wackeln brachte, war im Jahre 1934, als ich in den Betrieb kam, schon abgebaut. Der Antrieb der Spinnmaschinen erfolgte zum Teil durch Fremdstrom, zum Teil durch die von den Wasserturbinen erzeugten Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Veranla\u00dft durch die g\u00fcnstige Konjunktur hatte der Vorstand einen gro\u00dfz\u00fcgigen F\u00fcnfjahresplan f\u00fcr die Aufstellung und Finanzierung weiterer moderner Spinnmaschinen in einem neuen Shedbau auf dem Burglehn ausgearbeitet. Leider konnte dieser Plan aber nicht verwirklicht werden. Trotz gr\u00f6\u00dfter Bem\u00fchungen des Vorstandes bei den h\u00f6chsten Stellen von Staat und Partei in Schlesien konnte die Stillegung des Betriebes nicht verhindert werden. Im Jahr 1943 begann daher der Abbau, alle Spinnmaschinen wurden demontiert und zum Teil lose, zum Teil in Kisten gepackt ausgelagert. Dazu wurden in verschiedenen D\u00f6rfern in der Umgebung die Tanzs\u00e4le gepachtet, die ja doch leerstanden, weil das Tanzen nicht mehr erlaubt war. Dort wurden die Maschinen aufbewahrt. Nach dem Krieg hatten es die Polen dann sehr leicht, sie transportierten alle Teile nach Stabelwitz bei Breslau in eine dort bestehende gleichartige Spinnerei und hatten nach dem Zusammenbau wieder leistungsf\u00e4hige Spinnmaschinen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1596\" height=\"1012\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/AK378-213-Concordia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1796\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/AK378-213-Concordia.jpg 1596w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/AK378-213-Concordia-1300x824.jpg 1300w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/AK378-213-Concordia-768x487.jpg 768w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/AK378-213-Concordia-1536x974.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1596px) 100vw, 1596px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcr die Abwicklung der letzten Gesch\u00e4fte der Spinnerei eingesetzten Mitarbeiter wurden allm\u00e4hlich ganz aus den alten Geb\u00e4uden verdr\u00e4ngt und richteten sich ihr B\u00fcro in der ehemaligen Eisdiele neben der Stadtb\u00fccherei in der Oberstra\u00dfe ein. Unter ihnen befand sich auch Herr Sehm, der aus Marklissa gekommen war. Dieser verblieb ungl\u00fccklicherweise nach dem Zusammenbruch in Bunzlau, er wurde von den Russen oder Polen zu Zwangsarbeiten auf dem Flugplatz eingesetzt und ist an den Folgen der dabei erlittenen Mi\u00dfhandlungen bald darauf gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Betrieb wurde nun zu einem Zweigwerk von Weserflug umgebaut und wesentlich vergr\u00f6\u00dfert, wobei es wohl auf die Kosten \u00fcberhaupt nicht angekommen ist. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Concordia wurde in den neuen Betrieb \u00fcbernommen, dazu kamen Facharbeiter aus Delmenhorst, Bauarbeiter, Zimmerleute, Gastarbeiter aus den besetzten Gebieten, H\u00e4ftlinge und Wachmannschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Schachtarbeiten f\u00fcr die neuen Geb\u00e4ude auf der Wiese hinter dem Betrieb kam eines Tages dicht unter der Oberfl\u00e4che ein noch vollst\u00e4ndig erhaltenes Skelett zum Vorschein. Es ging dann das Ger\u00fccht um, da\u00df vor einer Reihe von Jahren ein Mann spurlos verschwunden sei, der wohl zuletzt in dem \u201eWirtshaus zur Fichte\u201c gesehen worden sei. Vermutlich wurde er dort nach einem Streit erschlagen und vom T\u00e4ter in der N\u00e4he eingegraben. Nun ist die Sache ans Licht gekommen, aber man hat nichts geh\u00f6rt, ob die Kriminalpolizei irgend etwas festgestellt hat, im Kriege kam es ja auf ein Menschenleben mehr oder weniger nicht an, warum sollte man sich daher um l\u00e4ngst verj\u00e4hrte Dinge Sorgen machen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1802\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1186-11_10_11-Aktie-Concordia-1-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1798\" style=\"width:456px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1186-11_10_11-Aktie-Concordia-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1186-11_10_11-Aktie-Concordia-1-1300x915.jpg 1300w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1186-11_10_11-Aktie-Concordia-1-768x541.jpg 768w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1186-11_10_11-Aktie-Concordia-1-1536x1081.jpg 1536w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1186-11_10_11-Aktie-Concordia-1-2048x1442.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die ungeheuren Kosten und der ganze Aufwand bei der Einrichtung der neuen Produktionsst\u00e4tte hat zu keinem Erfolg gef\u00fchrt, denn es wurde, so viel mir bekannt ist, auch nicht eines der damals projektierten neuen Jagdflugzeuge fertiggestellt. Die Beschaffung aller erforderlichen Teile stie\u00df oft auf un\u00fcberwindliche Schwierigkeiten. Viele Einzelteile, wie Nieten, Spannlack und anderes mu\u00dften durch Kuriere aus den westlichen Industriebezirken herangeholt werden, da der Transport mit der Bahn viel zu lange dauert und durch die Zerst\u00f6rung der Bahnanlagen weitgehend unm\u00f6glich war. Dabei geschah es einmal, da\u00df ein gro\u00dfer Beh\u00e4lter mit Spannlack, einem leichtentz\u00fcndlichen Material, den ein Kurier im Gang des D-Zugwagens abgestellt hatte, beim Aussteigen im Dresdener Hauptbahnhof auskippte und auslief. Sofort entz\u00fcndete sich der Lack an einem hei\u00dfgelaufenen Achslager, und in wenigen Augenblicken stand der ganze Wagen in Flammen. Der Kurier hatte sich rechtzeitig gedr\u00fcckt, so da\u00df er nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1866\" height=\"1403\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1512-B175-ConcordiaLohntuete.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1799\" style=\"width:466px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1512-B175-ConcordiaLohntuete.jpg 1866w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1512-B175-ConcordiaLohntuete-1300x977.jpg 1300w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1512-B175-ConcordiaLohntuete-768x577.jpg 768w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/D1512-B175-ConcordiaLohntuete-1536x1155.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1866px) 100vw, 1866px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Am 11. Februar 1945 vormittags erfolgte ein Angriff durch zwei russische Tiefflieger auf Bunzlau, an den sich gewi\u00df manche noch erinnern werden. Auf der Stra\u00dfe vor der Concordia wurde eine Angestellte durch einen Beinschu\u00df verletzt, auch trafen einige Sch\u00fcsse die gegen\u00fcberliegende Werkk\u00fcche, ohne da\u00df dort jemand zu Schaden kam. Die Russen waren schon in Thomaswaldau, man h\u00f6rte die ganze Nacht hindurch das Schie\u00dfen der Panzer. Erst in dieesr Nacht gab endlich die Parteileitung den R\u00e4umungsbefehl, obwohl sie doch schon lange genau wissen mu\u00dfte, da\u00df Bunzlau nicht gehalten werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>So kam also der Abschied von Bunzlau und der Concordia heran, am Morgen des 12. Februar wurde m\u00f6glichst viel Proviant aus der Werkk\u00fcche verteilt, und ein gro\u00dfer Teil der m\u00e4nnlichen Belegschaft lief zu Fu\u00df nach Lauban. Es war ein herrliches Wetter, kein Schu\u00df zu h\u00f6re, nur einmal waren vier Flieger am Horizont zu sehen, ein Sonntagmorgen wie im Frieden. Von Lauban gings dann \u00fcber Marklissa und Friedland durch das Sudetenland mit Bahn und Lastwagen nach Rabstein, wo ebenfalls ein Zweigwerk der Weserflug war und von dort weiter nach Delmenhorst. So kam es, da\u00df sich nach Kriegsende in dieser sch\u00f6nen Stadt bei Bremen eine Bunzlauer Heimatgruppe bilden konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wabnitz, Bunzlau. Erstver\u00f6ffentlichung im \u201eHeimatbuch des Kreises Bunzlau\u201c. Selbstverlag der Herausgeber. Druck von L. Fernbach, Waisenhausdruckerei und Verlagsanstalt. 1925 Samson Woller, aus Schlesien geb\u00fcrtig, hatte etwa 10 Jahre lang in Bradford (England) eine Kammgarnspinnerei betrieben und kam im Jahre 1854 nach Deutschland, um in Marklissa unter der Firma der Gebr\u00fcder [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28],"tags":[],"class_list":["post-1790","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bunzlauer-heimatzeitung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1790"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1800,"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1790\/revisions\/1800"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}