{"id":1576,"date":"2024-07-05T16:10:23","date_gmt":"2024-07-05T14:10:23","guid":{"rendered":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/?p=1576"},"modified":"2024-07-05T16:10:23","modified_gmt":"2024-07-05T14:10:23","slug":"gottfried-zahn-der-waisen-vater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/index.php\/2024\/07\/05\/gottfried-zahn-der-waisen-vater\/","title":{"rendered":"Gottfried Zahn \u2013 Der Waisen Vater"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus: Ernst Gottlieb Woltersdorf. Ein evangel. S\u00e4nger und Seelsorger. Von Johannes Giffey, erschienen im Emil M\u00fcller\u2019s Verlag, Barmen 1925.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die sieben bis acht letzten Jahre des kurzen Lebens Woltersdorfs, mit denen sich dieser Abschnitt befa\u00dft, sind inhaltlich durch den unentwegten Glauben eines einfachen Handwerkers bestimmt worden, der nach Gottes weisem Rat den Weg des jungen Predigers kreuzte. Und beide zusammen verband ein Werk, das heute noch in Schlesien bl\u00fcht zum Segen von klein und gro\u00df: die Waisen- und Schulanstalt in Bunzlau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sahen wir, welch liebewarmes Herz in Woltersdorf der Kinderwelt entgegenschlug, so finden wir in Bunzlau noch einen Mann, dessen Herz der Jugend geh\u00f6rte, sonderlich der verwahrlosten. Hatte Woltersdorf vor allem das geistliche und ewige Wohl der Kinder im Auge, so denkt der andere, der ehrsame, gl\u00e4ubige Maurermeister Gottfried Zahn mehr an das zitliche, soziale Wohl Beider vereinte Arbeit gab dann den rechten Klang und einen vollen Segen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Glaube dieses Mannes aus dem Handwerkerstande hat \u201eallein auf den Fond der g\u00f6ttlichen Vorsehung\u201c \u2013 Barmherzigkeit steht \u00fcber dem Eingang des alten noch von ihm begonnenen Hauses \u2013 die Waisenanstalt ins Leben gerufen, als eine Zeugin der Glaubens. und Liebestreue unsrer V\u00e4ter. Auf einem h\u00fcgeligen Gel\u00e4nde im Osten der Stadt steht noch heute diese Anstalt, als eine stattliche Gruppe von Geb\u00e4uden, die nach den vorj\u00e4hrigen Erneuerungsarbeiten mit ihrem satten Gelb des Mauerwerks und dem leuchtenden Rot der D\u00e4cher auch gegenw\u00e4rtig noch dem, ders verstehen kann und will als ein Denkmal g\u00f6ttlicher G\u00fcte und herzfrischem Glaubens erscheint. Im Innenhof der Anstalt vor dem \u201ealten Hause\u201c steht ein der Anstalt von Kaiser Wilhelm II. geschenktes Christusbild, das in Ueberlebensgr\u00f6\u00dfe und in wei\u00dfem Marmor den g\u00f6ttlichen Meister als Kinderfreund darstellt. Obgleich Woltersdorf von vornherein der geistliche Baumeister des Werkes war, so war er doch \u2013 mag es uns auch ganz unerkl\u00e4rlich scheinen \u2013 nicht sofort dieser Mann des Glaubens. Aber gerade weil er es wurde, weil er zu solchem reisen mu\u00dfte \u2013 auch ein Abraham ward stark im Glauben, R\u00f6m. 4, 20 \u2013, um so reizvoller sind f\u00fcr uns die Anf\u00e4nge dieses Hauses, und wir m\u00f6chten sie nicht allzu kurz abtun.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1077\" height=\"680\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-1-115-Waisenhaus-Eingang.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1577\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-1-115-Waisenhaus-Eingang.jpg 1077w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-1-115-Waisenhaus-Eingang-768x485.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1077px) 100vw, 1077px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Eingang des Waisenhauses. Aufgang aus der Stadt<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gottfried Zahn eben war dieser Mann des Glaubens und der Liebe und wir k\u00f6nnten ihn fast Woltersdorfs Lehrmeister nennen. Er wurde am 21. Dezember 1705 zu Tillendorf (Bunzlau gegen\u00fcber, auf der anderen Seite des Bobers) als vermutlich einziger Sohn des G\u00e4rtners und Maurers Christoph Zahn geboren. Unterm 19. Mai 1724 erhielt er einen \u201eLosbrief\u201c und machte sich damit frei von dem \u201eUntertanenverh\u00e4ltnis\u201c zu seiner Vaterstadt. In diesem Briefe finden die bezeichnenden Worte: \u201ezu welchem Gesuche Wir desto williger gefuget, indem uns sonderlich wohlgefallet, wann verlassene Kinder gut geraten und lernen, womit sie k\u00fcnftige, ohne anderer Leute Beschwerungen sich ihr Brot verdienen k\u00f6nnen.\u201c 1733 erwarb Zahn sich noch als Geselle das B\u00fcrgerrecht in Bunzlau, und baute sich in der Obervorstadt an, nachdem er bereits ein Jahr zuvor geheiratet hat. Lassen wir aus seiner harten und freudlosen Jugend ihn selbst erz\u00e4hlen: \u201eIch bin meiner zartesten Kindheit von Vater und Mutter verwaiset worden und habe manches erfahren m\u00fcssen, wie elend es um solche Kinder aussieht. Niemand will sich ihrer annehmen. Und wenn auch jemand sich eines solchen Kindes annimmt und ihm Brot gibt, so sieht man dann, wie man es mit leiblicher Arbeit wieder abmurkeln kann, welches den Kindern zwar leiblicherweise gut ist, damit sie ihr Brot verdienen lernen. Aber zur Schule sie anzuhalten, damit sie zugleich nach Leib und Seele versorgt werden, das geschieht selten. Dies habe ich erfahren m\u00fcssen, &#8230; nach meinem Seelenheil fragte niemand. Bis ich endlich meine J\u00fcnglingsjahre erreichte, da der Herr durch den seligen Herrn M\u00e4derjan zu Thommendorf &#8230; sein Wort mit gro\u00dfem Nachdruck verk\u00fcndigen lie\u00df. Da lie\u00df der Herr an meiner Seele sein Wort kr\u00e4ftig werden.\u201c Gleichzeitig kam ihm zum Bewu\u00dftsein, wieviel ihm dadurch fehlte, da\u00df er keine Schule besucht hatte. So setzte er sich als 24j\u00e4hriger Maurregeselle noch den A B C-Sch\u00fctzen auf die Schulbank zu Thommendorf und lernte Lesen und Schreiben. Einen f\u00fcr sein ganzes Leben unausl\u00f6schlichen Eindruck machte damals auf ihn die erste Schreibvorlage: Alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubet. Ueberhaupt ist ihm nach seinem Zeugnis der Unterricht ein ebenso gro\u00dfer Vorteil f\u00fcr seine Seele gewesen wie f\u00fcr seinen Beruf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNach dieser Zeit,\u201c so schreibt er, \u201ehabe ich mit armen verwaisten Kindern immer gro\u00dfes Mitleiden gehabt, und wo ich Gelegenheit fand, suchte ich ihnen unter die Arme zu greifen. Ich m\u00f6chte davon nicht gern viel sagen, sondern zu denen geh\u00f6ren, die vergessen, was sie Gutes getan haben.\u201c Inzwischen ist Zahn zu m\u00e4\u00dfigem Wohlstande gelangt, und wie so manche andere jener Zeit treibt ihn die Liebe zu seinem himmlischen und zu seinem irdischen K\u00f6nig, durch den Schlesien von dem r\u00f6mischen Druck befreit worden war und auch wirtschaftlich aufzubl\u00fchen begann, etwas Besonderes zum Wohle seiner Mitmenschen zu tun. Welch guten Ansehens er sich als t\u00fcchtiger Meister und B\u00fcrger zu Bunzlau erfreute, mag folgendes dartun. Die \u201eObervorst\u00e4dter\u201c hatten kein Quellwasser. So arbeitete auf ihr Ansuchen Meister Zahn einen Plan zu einer \u201eWasserkunst\u201c. \u201eZwei Stiefel nebst Kegeln, vier Ventile und die zugeh\u00f6rigen Z\u00fcge\u201c bef\u00f6rderten das Wasser nach der Obervorstadt. Zahn empfahl auch f\u00fcr diese Anlage den Bau eines soliden H\u00e4uschens, auch mit R\u00fccksicht darauf, \u201eda\u00df diese Baulichkeit ein gutes Aussehen haben m\u00f6ge\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahre 1744 f\u00e4llt Zahn die Schrift von Aug. Hermann Francke in die H\u00e4nde: \u201eSegensvole Fu\u00dfstapfen des noch lebenden und waltenden liebrichen und getreuen Gottes,\u201c d. h. die Nachrichten von dem Waisenhause zu Glaucha vor Halle. \u201eMit ungemeinem Vergn\u00fcgen\u201c liest er diese Mitteilungen und es entsteht der sehnliche Wunsch in ihm: \u201eWie? wenn jetzt bei der gro\u00dfen Freiheit, welche Gott &#8230; dem Lande Schlesien verliehen, eine solche Anstalt hier in Bunzlau erwachsen k\u00f6nnte? Wie? wenn mans auf Gott wagte, etwas anzufangen?\u201c Dieser Wunsch verwandelt sich in einen unausl\u00f6schlichen Trieb. Im November desselben Jahres nimmt er f\u00fcr den Unterricht seiner Kinder einen Lehrer ins Haus. Und mit jenen Gedanken besch\u00e4ftigt, gestattet er verschiedenen Nachbarn, ihm ihre Kinder zu schicken und gibt diesen Gelegenheit unentgeltlich am Unterricht teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zahn sann weiter \u00fcber die Sache nach, wu\u00dfte jedoch die Gr\u00fcndung eines Waisenhauses nicht recht anzufangen und wollte auch niemand einweihen in seine Pl\u00e4ne; immerhin sah er in dieser Hausschule den ersten Keim f\u00fcr ein Haus, das armen Kindern eine Herberge werden sollte. Bis zu 24 Kinder haben zu gewissen Zeiten die Schule besucht. In jenem Sinne baute er im folgenden Jahre und sp\u00e4ter sein Haus zweckm\u00e4\u00dfiger aus, so da\u00df es im Jahre 1750 massiv, mit Ziegeln gedeckt, mit reichlichem Raum und einem als Saal gedachten gro\u00dfen Zimmer bestand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So glaubte er, den Grund zu einem Waisenhause gelegt zu haben. Aber Mi\u00dfgunst und eitle Nachrede blieben nicht aus. Viele sahen in der Ausgestaltung dieser Hausschule Eigennutz, Eitelkeit und Ehrsucht. Der Magistrat sch\u00e4ftigte sich schlie\u00dflich mit der Sache, und es kam dahin, da\u00df der B\u00fcrgermeister ihm 1752 die Unterweisung fremder Kinder untersagte. Es fehlte ihm eben die beh\u00f6rdliche Genehmigung. Zahn reiste nach Breslau und glaubte eine Zur\u00fccknahme des Verbots erlangen zu k\u00f6nnen. Allein er t\u00e4uschte sich. Ja, es traf ihn, der in dieser Hoffnung die Schule nicht alsbald geschlossen hatte, eine harte Strafe, indem er \u201ewegen Auflehnung wider die Obrigkeit\u201c acht Tage im Gef\u00e4ngnis verbringen muu\u00dfte; sein Lehrer kam zwei Tage ins Stockhaus.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1091\" height=\"704\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-2-210-Waisenhaus.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1578\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-2-210-Waisenhaus.jpg 1091w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-2-210-Waisenhaus-768x496.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1091px) 100vw, 1091px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Blick auf das Speisehaus um 1900<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne Erbitterung und mit gro\u00dfer Geduld ertrug der treue Mann diese tiefe Dem\u00fctigung. Seine Sache aber gab er nicht auf, sondern, gest\u00e4rkt in Gott, mit noch gr\u00f6\u00dferer Entschiedenheit und nun erst recht, verfolgte er trotz des anscheinenden Mi\u00dferfolges seine Pl\u00e4ne; denn es war ihm v\u00f6llig unertr\u00e4glich, sein fast fertiggestelltes Haus leer stehen zu lassen, die Schule verloren und all seine W\u00fcnsche vereitelt zu sehen. Jetzt war es an der Zeit, andere ins Vertrauen zu ziehen. Als einer der ersten kam f\u00fcr ihn sein Beichtvater Woltersdorf in Betracht. Dieser hatte wohl auch von den Gedanken des Maurermeisters geh\u00f6rt, hatte sie aber nicht ernst genommen. Nun Zahn ihm selbst frei heraus sein Vorhaben entdeckte, \u201eso schlug ich es \u201c, berichtete er sp\u00e4ter, \u201ein Liebe zur\u00fcck und bat ihn, stille zu sein, da Gott, wo er dergleichen in seinem Rat beschlossen habe, selbst einen Wink dazu geben, auch Mittel und Wege verschaffen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Woltersdorf l\u00e4\u00dft uns nicht im Unklaren \u00fcber die Gr\u00fcnde, die zu seinen \u2013 sp\u00e4ter mehrfach wiederholten \u2013 Ablehnungen leiteten. Erstlich f\u00fcrchtete er, der gute Mann wolle anderer Werk \u201eaus blo\u00df menschlicher Hitze und aus gutem Eigenwillen blindlings nachahmen,\u201c ohne die Sache recht vor Gott zu \u00fcberlegen. Dann: obwohl er Zahn als \u201erechtschaffenen Christen\u201c (d. h. als einen gl\u00e4ubigen Mann) kennen gelernt hatte, unlautere Absichten auch nicht vermute, so sei er doch kein Herzensk\u00fcndiger und vielleicht seien Nebenabsichten vorhanden, die er zun\u00e4chst nicht erkenne. Sein vornehmliches Bedenken aber war: da er mithelfen solle an der Arbeit, so m\u00fcsse er solange davon Abstand nehmen, bis er klar in der Sache s\u00e4he. \u201eIst das Werk aus Gott, so wird es ohne meine Hilfe gegr\u00fcndet werden, und wird man desto deutlicher erkennen, da\u00df Gott es allein getan.\u201c \u201eSobald ich hingegen,\u201c schreibt er r\u00fcckblickend von seinen damaligen Zweifeln, \u201evon der Sache n\u00e4her \u00fcberzeugt bin, soll er durch Gottes Gnade sehen, da\u00df es meine gr\u00f6\u00dfte Freude sein wird, mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen zu helfen.\u201c Die Gegengr\u00fcnde anderer: \u201eder Waisenh\u00e4user-Periodus sei vorbei, und der Segen, den solche Anstalten geschaffet, habe nun ein Ende,\u201c konnte Woltersdorf nicht gelten lassen; dagegen setzte er mit Recht: Wo steht das geschrieben? Mehr bek\u00fcmmerten ihn, w er in manche dergleichen Anstalten hineingeblickt, die Menge der Sorgen, die Aufsicht und dergleichen mehr. Auch sah er bei sich gar keine Geschicklichkeit zu diesen Dingen, f\u00fchlte sich auch nicht dazu berufen, \u201eda er auf allen Seiten alle H\u00e4nde voll zu tun\u201c hatte und nicht Schuld auf sich laden wollte durch Vernachl\u00e4ssigung seines Amtes. Auch k\u00f6rperlich k\u00f6nne er sich nicht mehr aufb\u00fcrden, da er ohnehin \u00fcberanstrengt w\u00e4re \u2013 so klingt es durch in seinen Briefen. Und ich gestehe, schlie\u00dft Woltersdorf diese Darlegungen, \u201eda\u00df mir diese Ueberlegungen un\u00fcberwindlich geblieben w\u00e4ren, wenn ich nicht endlich die Antwort gelesen h\u00e4tte: \u201eAlle Dinge sind m\u00f6glich dem, der da glaubet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch noch war es nicht so weit. Zahn reiste jetzt nach Breslau, entdeckte sich dem trefflichen Oberkonsistorialrat Burg und erfuhr hier, da\u00df er nun die Genehmigung f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Anstalt beim K\u00f6nige in Berlin nachsuchen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun sprach er gegen Woltersdorf seinen Willen aus, mit n\u00e4chster Martini-Messe nach Berlin zu fahren; von seinen Gedanken k\u00f6nne er unm\u00f6glich ablassen, denn sobald er dies wolle, habe er im Gewissen keine Ruhe. W\u00fcrde der K\u00f6nig ihm jedoch die nachzusuchende Erlaubnis abschlagen, dann werde er endlich ruhig sein k\u00f6nnen, dann habe er getan, was er konnte und es sei dann eben Gottes Wille nicht. Woltersdorf ward bange und machte Einwendungen \u2013 \u201edenn was ist leichter, als Einwendungen machen?\u201c warf er sich hernach selbst vor. Aber doch blitzte der Gedanke auf in ihm, ob nicht \u201edes Herrn Hand darunter ist?\u201c \u201eEs ist doch wohl nicht von ungef\u00e4hr, da\u00df ein Mann so viele Jahre her einer solchen Sache, die ihm schon auf so mancherlei Weise verbittert worden, durchaus nicht m\u00fcde wird. Und wie kommt es, da\u00df wir ihm mit Gewalt entgegenwandeln, da er Gutes tun will? Wir w\u00fcnschen ja sonst dergleichen Leute, deren so wenige angetroffen werden.\u201c Ja, mu\u00dfte er sich sagen, schwerlich w\u00fcrde man einem Manne, der ein Geb\u00e4ude f\u00fcr eitle und s\u00fcndliche Lustbarkeiten errichten wolle, soviel Mi\u00dfbilligung und Hinderung erfahren lassen, als hier bei einer offensichtlichen und n\u00fctzlichen Sache geschehe.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1113\" height=\"716\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-3-228-Spielplatz-Waisenhaus.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1579\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-3-228-Spielplatz-Waisenhaus.jpg 1113w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-3-228-Spielplatz-Waisenhaus-768x494.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1113px) 100vw, 1113px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Spielplatz des Waisenhauses um 1900<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun gab sich Woltersdorf recht ans Beten \u00fcber all diesen Fragen. Indessen, noch vierzehn Tage sp\u00e4ter mu\u00dfte der biedere Meister, der an seinem Prediger schier irre wurde, mit err\u00f6tetem Gesicht ihn fragen, ob er auch unter denen sein wolle, welche die gute Sache verhinderten? \u2013 Tags darauf versprach ein Freund unserm Woltersdorf 20 Gulden zu stiften, falls das Werk zustande komme. Naturgem\u00e4\u00df l\u00f6ste solch unaufgefordertes, tatenfreudiges Angebot bei dem Vorsichtigen neue Verwunderung aus. Und indem er \u00fcber Zahn und sein Vorhaben nachdachte, mu\u00dfte er sich sagen: \u201eHat er den Glauben, da\u00df Gott die Sache &#8230; f\u00f6rdern wird: Wer hat mich dazu gesetzet, vollends, da ich ein Prediger des Glaubens bin, ihm diesen Glauben umzusto\u00dfen? Es war auch alle dergleichen Vorstellung vergeblich, da er sich im Vertrauen auf den lebendigen Gott \u00fcber alle Schwierigkeiten hinwegschwang.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zahn \u201ewar \u00fcber alles weg\u201c, so schreibt Woltersdorf, der nun seinerseits sich mit Breslau in Verbindung setzte, \u201eund ich mu\u00dfte die Hand auf den Mund legen, besonders wenn er auf den Glauben zu reden kam. Er bezeigte mir, da\u00df er wegen der Sache keine Ruhe mehr habe; er rede Tag und Nacht dar\u00fcber mit Gott und es sei wie ein Brand in seinen Gebeinen, wenn er sich von seinem Vorsatz zur\u00fcckziehen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einer Empfehlung an Woltersdorfs Vater (allerdings es waren kleingl\u00e4ubige Bedenken als Empfehlungen, die er diesem mitteilte) reiste Meister Zahn, in seinem Vertrauen nur noch fester geworden, am 7. Novembre 1753 nach Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir m\u00fcssen es uns versagen, ausf\u00fchrlicher auf die Ueberlegungen und inneren Bewegungen einzugehen, die Woltersdorf anstellt, w\u00e4hrenddessen Zahn in Berlin weilte; sie machten ihn jedenfalls der Gr\u00fcndung des Waisenhauses immer mehr geneigt. Schlie\u00dflich ward sein Herz derma\u00dfen mutig, da\u00df er selbst im Falle der Not an Stelle Zahn die Sache verfochten h\u00e4tte. Er fand Mu\u00dfe, sich mit der Gr\u00fcndungsgeschichte und dem Fortgang z. T. l\u00e4ngst bestehender Anstalten zu besch\u00e4ftigen: so mit der Halleschen \u2013 Prof. Francke hatte mit einem ehrlichen Kapital von 7 Gulden (4 Taler und 16 Groschen waren es) Mut bekommen, die Armenschule anzulegen (\u201eMein Gott, was f\u00fcr Glaube ist im seligen Francke gewesen!\u201c) \u2013; der gottselige Schneider Steinbart in Z\u00fcllichau hat zu teurer Zeit daselbst das Waisenhaus begonnen, und in Langendorf bei Wei\u00dfenfels war der Bauer und Fuhrmann Christian Buch durch wunderbare g\u00f6ttliche F\u00fchrung auch zur Gr\u00fcndung eines solchen Werks gekommen u. dgl. m. \u201eIch erstaunte und freute mich, fing aufs neue an zu glauben und lobte Gott &#8230; W\u00fcrden alle dergleichen Nachrichten flei\u00dfiger gelesen, so w\u00fcrden wir die schwere S\u00fcnde nicht so h\u00e4ufig begehen, die der 78. Psalm so oft strafet: Sie verga\u00dfen seiner Taten und seiner Wunder, da\u00df sie nicht glauben an Gott und hofften nicht auf seine Hilfe, Vers 11 und 22.\u201c Und nun ward er auf einmal gewahr, wie das volkreiche Schlesien und Bunzlau f\u00fcr ein solches Liebeswerk so geeignet sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen betete und handelte Zahn in Berlin. Uebrigens machte ihm der Vater Woltersdorf mehr Mut als der Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die T\u00fcren \u00f6ffneten sich dem unverdrossenen Meister zu dem innig frommen Oberkonsistorialrat Hecker und de Etat- und Kriegsminister Freiherrn von Danckelmann. Sie nahmen seinen Vortrag \u201esehr gn\u00e4dig und mit Vergn\u00fcgen\u201c auf und verfa\u00dften ihm ein Schreiben an den K\u00f6nig, das diesem am 15. \u00fcberreicht wurde. Darnach stellt Zahn sein Haus f\u00fcr Waisenzwecke zur Verf\u00fcgung, will auf eigene Kosten einen Lehrer und zwei Waisenkinder unterhalten und im \u00fcbrigen nur die Ehre Gottes und das Beste seines armen N\u00e4chsten suchend, im blo\u00dfen Vertrauen auf Gott die Arbeit beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frohen Mutes, zum Teil zu Fu\u00df, kehrt Zahn anfangs Dezember nach Bunzlau zur\u00fcck. Er und seine Frau werden nun auf k\u00f6nigliches Gehei\u00df vor das Magistrats-Kollegium geladen und aufs sorgf\u00e4ltigste nach ihrn Beweggr\u00fcnden und Versprechungen befragt. Auch hier verfehlt das mutvolle Benehmen des einfachen Mannes nicht seines Eindrucks. Der Bericht f\u00e4llt au\u00dferordentlich g\u00fcnstig aus; man ist bereit \u201ezu diesem heilsamen Werk alle h\u00fclfliche Hand zu leisten,\u201c ja, \u201e das gantze Magistrats-Kollegium\u201c erhebt sich und w\u00fcnscht ihm zu seinem Vorhaben Gl\u00fcck und Segen. Das war am 12. Dezember 1753. Woltersdorf aber setzt seiner Mitteilung (Wir entnehmen diese Ausf\u00fchrungen seiner am 23. Juli 1754 herausgegebenen \u201eErsten Nachricht\u201c \u00fcber die Waisen- und Schulanstalt zu Bunzlau) \u00fcber diese vom Herrn gef\u00fcgte Wendung hinzu: Es ging hierbei viel Wichtiges vor, welches nicht alles zu erz\u00e4hlen, sondren dar\u00fcber zu denken ist: Man lobt Dich in der Stille, Du hocherhabener Zions-Gott!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bald schon kam von Breslau her die vorl\u00e4ufige Erlaubnis zum Beginn der Arbeit \u201eauf probe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zahn wartet indes auf die zwei Kinder.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1090\" height=\"702\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-4-318-Koenigliches-Waisenhaus.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1580\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-4-318-Koenigliches-Waisenhaus.jpg 1090w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-4-318-Koenigliches-Waisenhaus-768x495.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1090px) 100vw, 1090px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Blick auf das Speisehaus um 1900. Links das Rote Haus<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der unruhigen Spannung dessen, was nun kommen werde, tr\u00f6stet er sich mit dem Wort, das ihm in Berlin ein Prediger zugerufen hatte, Hab. 3, 18. 19: Ich will mich freuen des Herrn und fr\u00f6hlich sein in Gott, meinem Heil. Denn der Herr, Herr ist meine Kraft und wird meine F\u00fc\u00dfe machen wie Hirchf\u00fc\u00dfe und wird mich auf meine H\u00f6hen f\u00fchren, da\u00df ich singe auf meinem Saitenspiel.\u201c (Alte luth. Uebers.) Und auf die Reden seiner Widersacher tr\u00f6ste er sich mit dem Verse aus Bogatzkys Schatzk\u00e4stlein:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man das Beste will und niemand will es fassen,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">tu, was noch besser ist, sei ruhig und gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und siehe da! auch die Kinder hatte der Herr schon vorgesehen. Etliche Tage nachher, es war am 23. Januar 1754m meldete sich bei Woltersdorfs Gattin die Frau eines Husaren. Sie hat ein H\u00e4uflein Kinder und wei\u00df nicht, sie recht durchzubringen: sie bittet die Pastorenfrau, ob sie nicht eins oder zwei der Kinder zu sich nehmen wolle. (Von dem neu zu gr\u00fcndendenWaisenhause wu\u00dfte sie nichts.) \u2013 Inzwischen ward mit Zahn geredet und als nach etwa 14 Tagen die Frau wiederkam, konnte Woltersdorf &nbsp;ihr sagen, sie k\u00f6nne die beiden Knaben bringen. Am 18. M\u00e4rz wurden zur gro\u00dfen Freude der Eltern die Knaben aufgenommen: Johann Gottlieb Wehr, 11 Jahre, sein Bruder Christian 7 Jahre alt. Bald folgten zwei weitere Knaben. am 14. M\u00e4rz war mit dem \u201eungelehrten\u201c Pr\u00e4zeptor Kaspar J\u00fcttner als erstem Lehrer (24 Thaler Salarium bekam er j\u00e4hrlich laut Buquoi; dazu nat\u00fcrlich freie Verpflegung.) die Schule begonnen werden. Einige Wochen sp\u00e4ter, datiert vom 23. April, kam auch die K\u00f6nigliche Einwilligung und unterm 20. Juni wurden die beiden Prediger, die bereits die Stadtschule zu beaufsichtigen hatten, zu Inspektoren des neuen Waisenhauses berufen. J\u00e4rschky mu\u00df sich im Ganzen von dem Werk selbst zur\u00fcckgehalten haben: jedenfalls tritt als F\u00fcrsprecher und Vertreter der Anstalt nach au\u00dfen hin und in allen Schriftst\u00fccken Woltersdorf allein auf. Zahn war seit dem 10 Januar schon als Waisenvater der Waisen- und Schul-Anstalt bestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz ein Wort \u00fcber die damalige Art dieser Anstalten. Es mu\u00df gesagt werden, da\u00df es mehr Rettungsh\u00e4user und Armenschulen, als Waisenh\u00e4user waren: H\u00e4user zur Unterbringung von Bettelknaben, zum Besten verlassener, verwaister und halbverwaister Kinder und \u2013 zur Erleichterung saumseliger Eltern und Pfleger. Auch in den Franckeschen Stiftungen waren die Vollwaisen in der Minderheit. Wir sahen schon, da\u00df auch die Eltern der beiden ersten in Bunzlau aufgenommenen Knaben noch lebten; der dritte war eine Vollwaise. Diese Anstalten waren vornehmlich auch als Schulen \u00fcberaus segensreich. Schulzwang war noch nicht vorhanden, der Schuldienst noch nicht so planm\u00e4\u00dfig gehandelt wie heute. \u2013 Waisenh\u00e4user und \u00e4hnliche Anstalten waren, wo sie, wie in wenigen bedeutenden und reichen St\u00e4dten, nicht Gemeindesache waren, Gr\u00fcndungen und Stiftungen beg\u00fcterter Herrschaften; auch hier hatte der Pietismus die Liebest\u00e4tigkeit auf neue erweckt. Bei den Gr\u00fcndungen eines Francke, Steinbart und auch eines Zahn lag \u201edas Neue\u201c, um Worte G. Uhlhorns (Die christliche Liebest\u00e4tigkeit) zu gebrauchen, \u201edarin, da\u00df ein einzelner Mann, ein verm\u00f6gensloser Mann, es im Vertrauen auf die g\u00f6ttliche Hilfe unternimmt, eine solche Anstalt in gro\u00dfem Stil zu gr\u00fcnden, ohne da\u00df ein fixum und ein gewisser Fundus da ist, und da\u00df diese Anstalt von einem Kreise Gleichgesinnter aus freien Liebesgaben unterhalten wird.\u201c Kein Wunder, da\u00df je und je solche Glaubens- und Liebesarbeiten, besonders da sie den Anspruch eines g\u00f6ttlichen Werks erhoben, viel Feindschaft seitens der Welt, auch gar sonst christlich gesinnter Leute zu ertragen hatte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1089\" height=\"704\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-5-483-Waisenhaus.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1581\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-5-483-Waisenhaus.jpg 1089w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-5-483-Waisenhaus-768x496.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1089px) 100vw, 1089px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Das alte Waisenhaus um 1940<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch das Bunzlauer Waisenhaus mu\u00dfte durch b\u00f6se und gute Ger\u00fcchte immer wieder hindurch und mit ihm seine Gr\u00fcnder \u2013 jetzt m\u00fcssen wir Woltersdorf mit nennen (Wolf schreibt in seinem Ehrenged\u00e4chtnis: \u201eSo spottete man deiner redlichen Absicht und eines dazu unt\u00fcchtigen Zahns.\u201c Letzterer aber bekannte seinem Seelsorger gegen\u00fcber in der Werdezeit: \u201eWenn der Herr durch mich unt\u00fcchtigen Menschen etwas ausrichtet, so wird jedermann sagen m\u00fcssen: Das hat Gott getan.\u201c). Denn nach dem guten Ausgang in Berlin bekannte er sich r\u00fcckhaltlos zu dem Werke und ward alsbald dessen unentwegter Anwalt. Er geht denn auch gegen \u201edas sch\u00e4ndliche Laster des Unglaubens\u201c kr\u00e4ftig zu Felde. \u201eDer Unglaube wird mit allerlei tugendlichen Namen belegt. Er ist sehr weise, Vorsichtig, dem\u00fctig und will Gott nicht versuchen, Jes. 7. 12 &#8230;\u201c Der Glaube dagegen m\u00fcsse es sich gefallen lassen, mit dem Lasterkleide str\u00e4flichen Vorwitzes, des Hochmuts, unerlaubter Verwegenheit und mutwilliger Versuchung Gotte bedecket zu werden. \u201eWie selten ist doch der Glaube mitten unter uns Gl\u00e4ubigen1\u201c ruft er aus. Und wie erinnert er an Gottes k\u00f6stliche Zusagen f\u00fcr den Glaubenden: Matth. 17, 20; Mark. 11, 24; Psalm 37, 4; Psalm 143, 19; Psalm 1, 3: \u201eUnd alles, was der Gerechte macht, das ger\u00e4t wohl.\u201c Aber diesen Glauben hatte auch Woltersdorf erst lernen m\u00fcssen. Nun er ihn gepackt hatte, folgte er dem sieghaften Triebe, r\u00fcstete sich \u201eaber zugleich mit g\u00f6ttlicher Geduld und siegender Hoffnung, durch alle Proben auszuhalten und einmal das Ende des Glaubens davonzutragen. Denn:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Naturkraft f\u00e4ngt wohl vieles an,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">allein sie l\u00e4\u00dft uns stecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer nicht best\u00e4ndig glauben kann,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der mu\u00df die Waffen strecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer Gottes Kraft nicht immer hat,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der wird gewi\u00df noch endlich matt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie wunderbar hat der Herr den Glauben dieser beiden M\u00e4nner gekr\u00f6nt! Und wie ihr Herz erf\u00fcllt war von Dank ob des Herrn freundlicher F\u00fchrung schon im Anfang, bezeugt des Waisenhauses Siegel, Psalm 103, 2: Lobe den Herrn meine Seele, und vergi\u00df nicht, was Er dir Gutes getan hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glaube wie ein Senfkorn: mehr begehrte Woltersdorf nicht. Senfkornartig wie das Reich Gottes selbst und alles, was in ihm dauerndes Wachstum gewinnen soll, ist der Beginn des Waisenhauses gewesen. \u201eEs ist die Art des Sch\u00f6pfers, da\u00df Er aus nichts etwas und alles mache. Der Glaube siehet seine Lust daran.\u201c Grunds\u00e4tzlich \u201ewerden wir niemanden,\u201c schreibt Woltersdorf, \u201eum einen Beitrag ansprechen, ob wir gleich damit nicht Unrecht tun w\u00fcrden, 1. Tim. 6, 17 \u2013 19 (noch viel weniger aber wir Jemanden f\u00fcr die Werke eigener Gerechtigkeit den Himmel versprechen, Gal. 2, 16), sondern wie der Anfang der zugeflossenen Wohltaten ganz freiwillig geschah, so wollen wirs auch zuk\u00fcnftig blo\u00df der Herzen lenkenden Kraft Gottes \u00fcberlassen.\u201c Und in der Vorrede zur zweiten Nachricht \u00fcber das Waisenhaus (18. Oktober 1755) bitte Woltersdorf herzlich, da\u00df, wenn jemand bei Erhalt dieser Zuschrift denken sollte, man wolle ihm damit etwas abfordern, er doch ja nichts geben m\u00f6ge. \u2013 Wie hat jedoch der Herr die Herzen nah und fern bewegt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Nord, S\u00fcd, Ost und West,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">selbst dr\u00fcben her vom Meere<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">bringt tausendfache Lieb ihr Opfer dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was so die \u00e4u\u00dfre Versorgung betraf, so hatte Zahn schon vor dem Bunzlauer Magistrat erkl\u00e4rt, da\u00df er sie der Vorsehung lediglich \u00fcberlasse und daher keinen anderen Fonds angeben k\u00f6nne \u201eals das Vertrauen auf den lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht habe, der allem Fleisch Speise gibt, der dem Vieh kein Futter gibt, den jungen Raben, die ihn anrufen.\u201c Und dieser Fonds g\u00f6ttlicher Vorsehung und Barmherzigkeit, auf den die Anstalt von vornherein ausgesprochenerma\u00dfen und mit Bewu\u00dftsein gestellt war, hat nicht im Stiche gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den beiden von Woltersdorf herausgegebenen ziemlich umf\u00e4nglichen Nachrichten \u00fcber die Anstalt ist jedesmal ein \u201eVerzeichnis der eingelaufenen Wohltaten und Auszug des damit verbundenen Briefwechsels\u201c mitgegeben. Die Namen der Geber werden nicht genannt, viele sind auch nicht bekannt, und dieses wie auch die Zuschriften zeugen von dem Geiste, der die Wohlt\u00e4ter getrieben hat, da\u00df die linke Hand nicht wisse, was die rechte tut. Etliches aus diesem Begleitschreiben mag im Anhang eine Stelle finden als Denkmal des Glaubens, der in der Liebe sich auswirken mu\u00df und bei jedem Dienst der Liebe allen darau erwachsenden Segen dem\u00fctig und allein der Gnade Gottes zuschreibt. Auch einige Gaben f\u00fchren wir auf, um zu zeigen, wie sich das Werk aufbaute auf stattliche Zuwendungen, sondern ebenso auch auf de Scherflein der Kleinen und Geringen. Aus einem Schreiben des A. St., ohne zweifel Abt Steinmetz im Kloster Bergen, sei hier eine Stelle hergesetzt: \u201eDie letzhin \u00fcberschickten Nachrichten von dem Waisenhause &#8230; habe allhier ausgestreuet, ob etwa der Herr das eine oder andere Herz zum Wohltun gegen dasselbe reizen wollte. Mein Wunsch ist, da\u00df es arm und geschm\u00e4het bleibe, nachdem die Erfahrung an so vielen Orten gelehrt, da\u00df die besten Anstalten ihre Frucht verlieren, wenn sie aus der seligen Kreuzesgestalt in ansehnliche Umst\u00e4nde versetzt wurden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon ehe eine erste \u00f6ffentliche Mitteilung \u00fcber das Waisenhaus erschien, waren in Bar eingekommen: 45 Reichstaler, 26 Silbergroschen, 1 Denar. \u201eGewi\u00df ein sch\u00f6nes Kapitalt zum Anfang und mit so vielen herzlichen Segensw\u00fcnschen. Gelobt sei der Herr, der da rufet dem, das nicht ist, da\u00df es sei! R\u00f6m. 4, 17.\u201c In den folgenden 14 Monaten wurden dem Werke an barem Gelde allein ohne die andern Gaben \u201ezugeworfen\u201c: 1020 Reichstaler, 10 Silbergroschen, 4 Denar. \u201eIch meine,\u201c sagt Woltersdorf, \u201e es sei genug in solcher Zeit, so da\u00df wir Ursach haben, niederzufallen und anzubeten &#8230;\u201c Und indem er aufs allerdem\u00fctigste und herzlichste allen den Freunden dankt und ihnen von Gott her ein voll gedr\u00fcckt, ger\u00fcttelt und \u00fcberfl\u00fcssig Ma\u00df lebendiger Erkenntnis Jesu Christi, von glaube und Freude w\u00fcnscht, so erbittet er f\u00fcr das Haus: \u201eUns aber wolle Er treu machen, da\u00df wir alle Wohltaten (deren einige gewi\u00df von solchen H\u00e4nden kommen, die sichs aus dem Munde genommen und in br\u00fcnstiger Liebe hergegeben haben) als vor seinen Augen anwenden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie gestaltete sich nun der Fortgang dieser Arbeit? \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 7. September 1754 durfte der Waisenvater dem K\u00f6nige in seinem Lager zu Glogau eigenh\u00e4ndig unter nochmaligem Dank f\u00fcr die erteilte Berechtigung die im gewidmete \u201eErste Nachricht\u201c des Hauses als Druckschrift \u00fcberreichen und konnte ihm mitteilen, da\u00df die Zahl der Waisen sich auf 12 belaufe, da\u00df ein ansto\u00dfendes Haus mit Garten f\u00fcr 480 Reichstaler erworben worden sei und die Berufung eines theologischen Kandidaten bevorstehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war nicht leicht, einen Kandidaten zu finden, er gewillt war, sich in die besonderen Auflagen, die mit dem Eintritt in ein solches Haus verbunden sind, zu schicken. Doch der Herr sorgte und f\u00fchrte der kleinen Anstalt nach inst\u00e4ndigem Flehen in George Friedrich H\u00e4nisch (Er war am 13. September 1724 zu Rostock geboren. Am 4. Dezember 1754 trat er ein) einen zweiten Lehrer zu. In H\u00e4nisch hatte man den Mann gefunden, der sich in die Art und Absicht des Waisenhauses recht einlebte. Es lag Woltersdorf ernstlich an, den armen Kindern geistlich-leiblich aufzuhelfen, dann aber auch, das Schulwesen auf eine vorbildliche H\u00f6he zu bringen. Welche hohe Meinung er in diesem St\u00fcck vertrat, m\u00f6gen die Verse anzeigen, die er uf das Titelblatt der Ersten Nachricht setzte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schulen sind des Landes Herz,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">daran Geist und Leben h\u00e4nget;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schulen sind ein Heiligtum,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">da mans hohe Lied anf\u00e4nget.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schulen sind der Grund,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">auf welchem aller L\u00e4nder Heil besteht;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schulen sind ja Gottes Tempel<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">und des Himmels Pflanzgebet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Schlesien lag das Schulwesen infolge der ehemaligen Bedr\u00fcckung der Evangelischen noch immer darnieder. L\u00e4ngst bestand in der Bev\u00f6lkerung der Wunsch \u2013 besonders bei denen, \u201eauf welche noch ein guter Same von Schwenckfelds Zeit fortgeerbt war (Buquoi)\u201c \u2013, das eine durchgreifende Verbesserung platzgreifen m\u00f6ge. Das stimmte mit dem Begehr des jungen Predigers \u00fcberein; und nun hatten er den Mann zur Ausf\u00fchrung. Auch f\u00fcr die Landschulen wollte er t\u00fcchtige Lehrer heranbilden; zur Hebung des Choralgesanges legte er daher auch auf den Unterricht in der Musik gro\u00dfen Wert; ebenso wurde Instrumentalmusik getrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch k\u00f6nigliche Verf\u00fcgung vom 3. Februar 1755 wurde die Anstalt von allen Lasten etwaiger Einquartierung befreit und bald darnach wurden ihr auch Geb\u00e4udesteuern, Z\u00f6lle und anderer Scho\u00df erlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ruf des jungen Glaubenswerkes und seiner Leiter hatte sich inzwischen durch die Bem\u00fchung naher und ferner Freunde durch die Gaue deutschen Landes, die Reichsst\u00e4dte, aber auch nach Polen, D\u00e4nemark, sogar nach England verpflanzt. So mehrten sich sich die Liebesgaben, aber mit ihnen auch die Bitten um Aufnahme ganz armer und verlassener Kinder, deren Eltern nur ein Geringes f\u00fcr die Erziehung ihrer Kinder aufzuwenden vermochten. Zahn hatte bei jedem solchen Antrage gro\u00dfe Freudigkeit; er wollte alles aufnehmen, soda\u00df Woltersdorf ihn schon vor Uebereilung warnte. Aber er sah die sich Meldenden als ihm von Gott zugeschickt an. Man tadelte ihn deshalb wohl und wie hin auf die Bedr\u00e4ngnis, in die das Haus je und dann kam. doch in Betreff der Brotsorgen war Woltersdorf, wenn er sie f\u00fcr die geringsten ansieht, mit ihm einer Meinung. So schreibt jener: \u201eEs kommt mir all zu absurd und unertr\u00e4glich vor, dem allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfer und dem, der seines Bluts und Lebens f\u00fcr uns nicht geschonet hat, nicht einmal zuzutrauen, da\u00df Er den Magen f\u00fcllen, den Erdenklo\u00df bekleiden oder ein Haus bauen k\u00f6nnte. Wenn ich im Glauben bei mir selbst bin, wie kann ich anders denken? Soll es eine Verf\u00fchrung hei\u00dfen, so mu\u00df ich bekennen, die Worte meines Herrn haben mich dazu verf\u00fchrt.\u201c So wuchs denn auch, dieses Vertrauen zu st\u00e4rken, der \u00e4u\u00dfere Segen, mit der weiteren Aufnahme von Kindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie im Halleschen Waisenhause, so bildeten sich von vornherein drei Arten von Z\u00f6glingen: Waisenknaben; Alumnen oder Freisch\u00fcler; Kostg\u00e4nger oder Pension\u00e4re. F\u00fcr letztere waren keine bestimmten Preise festgelegt; 12 \u2013 30 Taler wurden bezahlt. Bis zum Herbst 1755 stieg die Zahl der Z\u00f6glinge auf 29, darunter 22 Waisen; dazu wurde die Schule von Bunzlauer Kindern besucht, wie auch von 12 Knaben aus Nachbard\u00f6rfern. dieses war dem Magistrat anfangs kaum angenehm. So wollte er sich auch ein Aufsichtsrecht \u00fcber die Waisenhausschule anma\u00dfen. Beide Inspektoren gingen aber in einer Eingabe nach Breslau vom 17. August 1754 dagegen vor: Zahn werde sonst Mut und Freudigkeit genommen; die Anstalt unterstehe auch direkt dem K\u00f6nige.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1074\" height=\"708\" src=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-6-525-Waisenhaus.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1582\" srcset=\"https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-6-525-Waisenhaus.jpg 1074w, https:\/\/bunzlau.siegburg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Bild-6-525-Waisenhaus-768x506.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1074px) 100vw, 1074px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Blick auf das Waisenhaus<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit besonderer Ehrfurcht gedenkt Woltersdorf der Aufnahme des 12. Knaben, eines verwilderten 15j\u00e4hrigen Judenjungen. Er kam, von seiner Mutter in Berlin vernachl\u00e4ssigt, in das Haus, um Christ zu werden, und Woltersdorf erlebte die Freude, da\u00df er zum lebendigen Glauben kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Unglaube mu\u00dfte sich in seine gew\u00f6hnlichen Schlupfwinkel verkriechen,\u201c so hie\u00df es bei Woltersdorf, als er am 5. April 1755 vor den Standespersonen Bunzlaus \u2013 Magistrat, Offizieren usw. \u2013 die Festrede halten konnte zur Feier der Grundsteinlegung eines Neubaus (des heutigen \u201ealten\u201c Hauses) auf dem erworbenen Grundst\u00fcck. Ueberaus zahlreich war die Beteiligung. Er aber predigte \u201eVon dem Triumph des Glaubens \u00fcber die Sprache des Unglaubens\u201c \u00fcber Jes. 49, 26 \u2013 31: Hebet Eure Augen in die H\u00f6he und sehet! usw. Die lateinische Inschrift des Grundsteins lautet in deutscher Uebersetzung: Unter g\u00f6ttlichen Walten, als Friedrich II: K\u00f6nig von Preu\u00dfen und oberster Herzog von Schlesien, Rostkovius und K\u00f6hler B\u00fcrgermeister dieser Stadt, J\u00e4rschky und Woltersdorf Pastoren, Gottfried Zahn Waisenvater waren, wurde, w\u00e4hrend in ganz Europa Friede bl\u00fchte und das Licht der reinen Lehre strahlte, der Grund zu diesem Waisenhause gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bau des Hauses wurde alsbald frisch und freudig in Angriff genommen und gedieh nach Ma\u00dfgabe der eingehenden Geldmittel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie der Herr zur rechten Zeit das N\u00f6tige zuf\u00fchrte, davon gibt Woltersdorf Zeugnis unterm 8. September 1755, als ihm von drei Seiten (5 und 1 und 64 Reichstaler 15 Groschen) zusammen stark 70 Taler zugingen, mit folgenden Worten: \u201eWir m\u00fcssen gestehen, da\u00df uns der heutige Tag durch diese gro\u00dfe Hilfe Gottes ganz besonders erfreuet, aufgerichtet und zum herzlichen Lobe Gottes &#8230; m\u00e4chtig ermuntert hat. Denn es kam diese Wohltat eben zur Zeit der Not, da der Waisenvater wegen des Baues verschiedenen schuldig war und schn eine Rede verlauten wollte: Es hei\u00dft, da\u00df Gott diesen Bau f\u00fchre, es werde aber wohl der \u2013 \u2013&nbsp;\u2013 bauen, weil man nicht bezahlt w\u00fcrde. Solcher mund konnte nun gottlob sogleich verstopft und besch\u00e4mt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Waisenvater ehrte in Woltersdorf seinen sch\u00e4tzenswaerten Freund und Ratgeber, der ihn vor manchen Fehlgriffen bewahrte, seine Eigenheiten und seinen Heldenglauben in die rechten Schranken wies. Aber mit vereinten Glaubenskr\u00e4ften standen sie zusammen in dem Werk, und das auch not, sonderlich wo zu \u00e4u\u00dferem Gedr\u00e4nge Tr\u00fcbungen im Innenbetrieb hinzukamen. Ein Waisenhaus ist eine Welt im Kleinen. So fehlt es allerweise unter klein und gro\u00df und zwischen beiden nicht an Gelegenheiten zu Reibungen. Die engen r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse, das Ineinanderweben des Haushalts Zahns mit dem Treiben so verschieden gearteter fremder Kinder und die mangelhafte Schulung des Waisenvaters bei aller guten Absicht, riefen im Verkehr mit Lehrern und Kindern Irrungen und Mi\u00dfdeutungen hervor, die hin und wieder der gedeihlichen Entwickelung der Anstalt gef\u00e4hrlich zu werden drohten. Da gab es denn f\u00fcr Woltrsdorf geh\u00f6rige N\u00fcsse zu knacken. Aber in der Ueberwindung so geh\u00e4ufter Schwierigkeiten lag, wie immer, so auch hier, der Weiterbestand und Forgang der Arbeit begr\u00fcndet. Woltersdorf sah Satans Widerstand in solchen Verwicklungen. Aber sein Mut w\u00e4chst um so mehr, und er schreit ihm gleichsam zu: Hier ist Immanuel. Und niemals ist ihm die Ueberzeugung entfallen, da\u00df das Werk von Gott sei. \u201eJa, ich bin g\u00f6ttlich versichert, da\u00df alle die vorgekommenen und noch vorkommenden Schwierigkeiten auf allen Seiten zum Besten dienen werden. Freilich mu\u00df man g\u00f6ttliche Werke ganz anders ansehen, as mit menschlichen Augen.\u201c So gelang es ihm denn nach und nach, dem Hause feste Ordnungen zu geben; 1757 bekam die Anstalt in der Witwe des Predigers Samuel Hoefer einen eigene Hausmutter, 1759 auch einen Oekonomen. Unter Mithilfe eines seiner Freunde, des K\u00f6niglichen Justizrats Freiherrn von Richthofen, wurde unterm 29. April 1757 ein Reglement mit 32 Punkten aufgestellt, in welchem die verschiedenen Verh\u00e4ltnisse der Anstalt, Essen, Kleidung, Zimmerreinigung, dann Erziehung, Strafen, das Verh\u00e4ltnis der Inspektoren, des Waisenvaters und der Lehrer zueinander genau festgelegt werden. \u2013 Das Werk aber empfiehlt Woltersdorf der F\u00fcrbitte aller Gl\u00e4ubigen, auf da\u00df die Leiter ausger\u00fcstet w\u00fcrden mit einem un\u00fcberwindlichen Mut im Glauben, desgleichen mit Treue, Weisheit und tiefer Demut, damit sie in Furcht und Zittern handeln lernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun sehen wir, wie recht Woltersdorf mit seinem Z\u00f6gern hatte. Jetzt in der Probe mu\u00dfte es sich zeigen, ob nur eine schnelle verlohende Begeisterung ihn und den lieben Zahn zu dem Werk gef\u00fchrt hatte, oder ob die innere Kraft vorhanden war, derartiger Gespanntheiten Herr zu werden. Und in der Tat bew\u00e4hrte sich die Arbeit durch solche Pr\u00fcfungen hindurch. Mit Bezug auf Woltersdorf sagte Buquoi, der sp\u00e4ter (1804) selbst Direktor der Anstalt wurde: \u201eEr sah mit seinem ihm eigenen Scharfblick nicht blo\u00df das allgemein N\u00fctzliche, sondern er drang tiefer ein. Ihm war in der Disziplin, in der Haushaltung und in dem ganzen Zusammenhang der einzelnen Teile nichts eine Kleinigkeit; ihm entging so leicht nichts.\u201c Mit liebevoller Klugheit wu\u00dfte er Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse zu begegnen und sie in Ordnung zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bitterernst es ihm war, wie sein Herz brannte vor Begierde, das Waisenhaus ganz der Ehre Gottes und zum Segen der Menschen zu heiligen, und alles, was dem zuwider strebte, daraus zu verbannen, bezeugt er in der Vorrede der zweiten Nachricht. \u201eIch finde mich gedrungen in meinem Geiste, mit Beihilfe aller Gl\u00e4ubigen und im Namen Jesu Christi, einen ewigen Bann und Fluch auf alle menschliche und unlautere Absichten zu legen, die bei diesem Werk aufkommen k\u00f6nnten, sie m\u00f6chten nun aus meinem oder anderer Personen Herzen quillen und auf Ehre, Eigennutz oder Nachteil andere Schulen gerichtet sein. Gott lasse sie nimmermehr zu Kr\u00e4ften kommen und beh\u00fcte die Sache vor interessierten H\u00e4nden auch auf alle k\u00fcnftige Zeiten, Amen.\u201c \u2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Herbst 1755 war der Neubau so weit gef\u00f6rdert, da\u00df der gro\u00dfe Saal f\u00fcr Erbauungsversammlungen und \u00f6ffentliche Pr\u00fcfungen, die \u00fcber ihm gelegenen drei ger\u00e4umigen Klassenzimmer aber f\u00fcr den Unterricht in Benutzung genommen werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1756 brach der siebenj\u00e4hrige Krieg aus, und es ist wie ein Wunder Gottes, da\u00df die Anstalt den nun \u00fcber sie hereinbrechenden N\u00f6ten und Drangsalen nicht erlegen ist. Auch die Stadt Bunzlau hatte viel zu leiden. Da\u00df aber der Glaube um so mehr w\u00e4chst und erstarkt je mehr der Pr\u00fcfungen kommen, das durfte die kleine Streiterschar an diesem Werke in Bunzlau erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich im Herbst 1757 bei ersten feindlichen Ueberfall wurde die Scheune des Waisenhauses in Brand gesteckt, und es ging der nicht geringe und so n\u00f6tige Vorrat an Getreide, Stroh, Heu und Flachs verloren neben sonstigem Schaden der endstand. Doppelt waren diese Verluste, da eine Teuerung \u00fcber Schlesien kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch lassen wir \u00fcber weitere Heimsuchungen Woltersdorf selbst reden. Ueber die Begebenheiten in der zweiten H\u00e4lfte des Jahres 1758 schreibt er: \u201eDie Schicksale unseres Waisenhauses haben eine Zeitlang mit den Geschichten Hiobs viel Aehnlichkeit gehabt. Es war nicht anders, als wenn Satan sich aufgemacht h\u00e4tte, diese Anstalt Tag und Nacht vor Gott zu verklagen. Au\u00dfer vielen Verhinderungen und \u00e4u\u00dferen Pr\u00fcfungen mu\u00dfte endlich auch diejenige hitzige Krankheit, mit welcher der Krieg so viele Orte erf\u00fcllet, ins Waisenhaus kommen. Der Stifter und Waisenvater, Herr Gottfried Zahn, war der erste, der daran starb, am 22. September (Zahn ist 52 <sup>3<\/sup>\/<sub>4<\/sub> Jahre alt geworden; am 25. September fand die Beerdigung statt). Nach seinem Tode griff die Krankheit derma\u00dfen um sich, da\u00df keine einzige Person in der ganzen Anstalt verschont blieb. F\u00fcnf Kinder starben in kurzer Zeit; doch nur eins an der Krankheit, zwei an andern Zuf\u00e4llen, und zwei an der roten Ruhr, welche dazu kam und das fast das Uebel \u00e4rger machte. Das Waisenhaus war zum Lazarett geworden. Ausw\u00e4rts hie\u00df es schon, die Pest sei in diesem Hause. Einige Kinder, die vorzeitig nach Hause genommen wurden, pflanzten die Krankheit auf die Ihrigen fort. Sie bekam den Namen vom Waisenhause, und wir wurden zum Scheusal und Ekel unserer Nachbarn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schule mu\u00dfte geschlossen werden und kaum war noch eine Hilfskraft da, die sich der Kranken annehmen konnte. Es war eine freudige F\u00fcgung des Herrn, da\u00df Woltersdorf etliche Monate zuvor seinen j\u00fcngeren Bruder Christian Ludwig ins Haus genommen hatte zum Lehrer seiner Kinder sowohl, als auch zur eigenen Unterst\u00fctzung. Ihnen beiden lag schier allein die ganze Sorge um das Haus auf den Schultern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hierzu kam eine neue Pr\u00fcfung. Zum Nachfolger des heimgerufenen Waisenvaters Zahn war der seit vier Jahren in dem Anstaltsleben erfahrene und bew\u00e4hrte Predigtamtskandidat H\u00e4nisch erkoren worden. Er war mit besonderen Gaben ausger\u00fcstet, ein treuer Arbeiter, ein inniger J\u00fcnger Jesu und ein Freund der Kinder. Die K\u00f6nigliche Best\u00e4tigung der Ernennung (datiert vom 24. Oktober) war noch nicht eingetroffen, als auch er aufs Krankenlager geworfen wurde und unvermutet und schnell am 9. November, etwa sechs Wochen nach dem Hausvater Zahn, die irdische H\u00fclle ablegen mu\u00dfte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus: Ernst Gottlieb Woltersdorf. Ein evangel. S\u00e4nger und Seelsorger. Von Johannes Giffey, erschienen im Emil M\u00fcller\u2019s Verlag, Barmen 1925. 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