Tillendorfer Taufschale

Drei wertvolle Gegenstände aus der kriegszerstörten evangelischen Kirche Tillendorfs erstrahlen in neuem Glanz und dienen wieder dem Gottesdienst

 

Wiedervereinigung im Advent

 

Dieses Erlebnis hätten wir allen unseren Tillendorfern von Herzen gegönnt. Die aus den Trümmern der kriegszerstörten evangelischen Kirche geretteten und vermutlich durch Schwester Emilie Ott (1897-1985) in den Westen gelangten gottesdienstlichen Gegenstände Abendmahlskelch, Patene (Hostienschale) und Taufschale erfuhren im westfälischen Ahlen eine unerwartete Wiedergeburt und Wiedervereinigung. Das muss näher erklärt werden.

 

 

Nach meisterlicher Renovierung durch die dortigen Gold- und Silberschmiede Werner und Raphael Fischer wurden sie am 11. Dezember in einem denkwürdigen Gottesdienst in der Ahlener Christuskirche jetzt wieder zu dritt in ihre ursprünglichen Funktion eingesetzt. Dabei empfing der kleine Leon aus der neu geweihten Tillendorfer Schale das Sakrament der Taufe; später wurde den anwesenden Christen, die es wünschten - auch Katholiken wie Peter Börner waren dazu eingeladen – aus Kelch und Patene der einstigen Tillendorfer Kirche das hl. Abendmahl gereicht. Inwiefern ging es hier nicht nur um eine Wiedergeburt, sondern auch um eine Wiedervereinigung?

 

 

Der stark demolierte Abendmahlskelch hatte sich bereits seit Jahren im Sakristei-Schrank der Neustadtkirche in Ahlen befunden – wer weiß, auf welchen verschlungenen Wegen er dorthin gekommen war? - und war nach seiner Entdeckung durch Pfarrerin Martina Grebe bereits 2004 nach aufwändige Restaurierung in Anwesenheit von Horst Lessig und Peter Börner feierlich in den sakralen Gebrauch übernommen wurden. Die BHZ hat ausführlich darüber berichtet. Was man damals noch nicht wusste: Die genau dazugehörende Hostienschale und das fünfzig Jahre später entstandene Taufbecken, ebenfalls aus der Tillendorfer Kirche, befanden sich im Bestand der Bunzlauer Heimatstube in Siegburg.

  

Gemeinsam mit Mitgliedern des Ostdeutschen Volkstumskreises NRW, welche die Ahlener erst auf die Spur von Tillendorf und Bunzlau gebracht und ihnen auf Vereinskosten eine zum Kelch passende Patene hatten anfertigen lassen, überlegten wir in den darauffolgenden Jahren, ob es nicht angebracht sei, jetzt die Patene und Taufschale restaurieren zu lassen ( sie war in den 60er Jahren nur provisorisch repariert worden) und anschließend der Ahlener Gemeinde als Leihgabe zu überlassen. Diese Überlegungen, an denen Herr Peter Lauterbach (Troisdorf) maßgeblich beteiligt war, mündeten im Sommer 2011 in den Abschluss eines notariellen Vertrages zwischen Heimatgruppe, Ostdeutschem Volkstumskreis und evangelischer Kirche in Ahlen. Danach verpflichtete sich der Volkstumskreis unter Leitung von Herrn Friedhelm Arnold Berthold (Realschulleiter i.R. und Prädikant in Iserlohn-Hennen) zur Übernahme der Restaurierungskosten und die Heimatgruppe zur Überlassung von Taufschale und Patene an die Kirchengemeinde Ahlen als Dauerleihgabe. Deren Gemeindeleitung wiederum versprach, die Erinnerung an die Herkunft der sakralen Gegenstände wachzuhalten.

    

Ganz in diesem Sinne war der Übergabe- und Einweihungsgottesdienst am 11. Dezember 2011 in der Ahlener Christuskirche gestaltet. Der Leiter des Ökumenischen Kirchenchores Martin Kircheis hatte Werke schlesischer Dichter und Komponisten ausgesucht wie das Kyrie und Agnus Dei aus der Pastoralmesse von Ignaz Reimann, das „Herr, unser Gott, wie groß bist Du“ von Johann Scheffler (Angelus Silesius) und Georg Joseph sowie Orgelmusik zum Vor- und Nachspiel von Friedrich Hesse und Moritz Brosig während der Austeilung des Abendmahls. Die Gemeinde sang Lieder der Breslauer Dietrich Bonhoeffer und Jochen Klepper.

    

Den tragischen und doch wieder Mut machenden Hintergrund des Geschehens in diesem Gottesdienst verdeutlichte Herr Berthold in seiner Predigt, ebenso die beiden anderen Liturgen Pfarrer Martin Frost und Pfarrerin Grewe. Sie sagte beim Tagesgebet: „Gnädiger Gott, heute ist für uns ein besonderer Tag. Mit der Taufschale und der Patene aus Tillendorf empfangen wir ein ermutigendes Zeichen: Viele Jahrzehnte nachdem Flüchtlinge aus Schlesien zu uns nach Ahlen gekommen sind, um eine neue Heimat zu finden, kommen nun auch die gottesdienstlichen Gegenstände zu uns, die sie damals zurücklassen mussten. Wir freuen uns sehr darüber und sehen darin ein Zeichen deiner Güte und Treue.“

    

Bei einem gemütlichen Beisammensein nach dem Gottesdienst sprach Peter Börner, der im Vorfeld mit anderen früheren Tillendorfern Kontakt aufgenommen hatte, auch in deren Namen ein Gruß- und Dankwort. Pfarrerin Grewe bedankte sich ihrerseits für das Anvertrauen des Heimatgutes und betonte, dass neben den schlesischen Teilnehmern dieses Gottesdienstes und den Siegburger Abgesandten Peter Börner und Norbert Roth alle Tillendorfer und alle Bunzlauer in ihrer Ahlener Gemeinde jederzeit willkommen seien. Heimatfreund Börner erinnerte in diesem Zusammenhang an die kleine evangelische Gemeinde im heutigen Bunzlau, die an jedem 1. und 3. Sonntag im Monat im Haus der Löwenberger Straße 8  (gegenüber dem Hotel Paryska) um 9.00 Uhr Gottesdienst feiert.

       

Die Entstehungsgeschichte der drei sakralen Gegenstände hat viel mit der Glaubenstreue der evangelischen Tillendorfer zu tun. Erst als Schlesien unter Friedrich dem Großen preußisch geworden war, erhielten sie Möglichkeit, zu Hause wieder ihre Religion frei auszuüben und unbehelligt Gottesdienst feiern. Anlässlich „des 100sten Jubelfestes" zum Bestehen eines eigenen lutherischen Bethauses im Jahre 1843 schenkte die evangelische Kirchengemeinde von Bunzlau ihrer Schwestergemeinde zu Tillendorf einen "werthvollen silbernen Abendmahlskelch, inwendig vergoldet und mit Patene." Wie viele Tillendorfer mögen seitdem aus jenem Erinnerungs-Kelch das Heilige Abendmahl empfangen haben!

    

   

Die zugehörige Patene trägt die Inschrift: „Zum Andenken an die hundertjährige Jubelfeier der evangelischen Kirche zu Tillendorf, vom Freibauer J.G. Conrad, daselbst, 30. April 1843.“ Beim 150. Jubiläum wurden Kelch und Patene durch eine große silberne Taufschale ergänzt. Auf ihr ist zu lesen:

  „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Zum 150jährigen Jubelfeste der evangelischen Kirche zu Tillendorf gewidmet von den Mitgliedern beider städtischen Kollegien. Bunzlau am 30. April 1893.“

    

Herr Udo Wagener (Ahlen) konnte inzwischen die Hersteller ermitteln: Patene und Kelch wurden vom Bunzlauer Goldschmied Friedrich August Becker (nachweisbar seit 1841) geschaffen. Die Signatur auf der Taufschale verweist auf die Werkstatt von Julius Mattich (1841-1898), ebenfalls Bunzlau.

    

Wer noch mehr über die evangelische Kirche Tillendorfs weiß – vielleicht aus eigener Erinnerung?! – oder gar ein Foto vom Inneren des Gotteshauses besitzt, möge sich bitte bei der Heimatzeitung oder bei der Bundesheimatgruppe Bunzlau 53719 Siegburg Postfach Rathaus melden. Wir sind gespannt - und vielleicht neuerdings auch unsere Ahlener Mitchristen. Ihnen wünschen wir mit den neuen alten gottesdienstlichen Geräten Gottes Segen!                        P.B .

     

Literaturhinweis

Andreas Neumann-Nochten: Ein guter Ort für die Evangelischen Bunzlaus, in: Schlesischer Gottesfreund 61. Jg., Nr. 5 (Mai 2010), S.73-76