Bunzlauer Charakterköpfe

 

 

 

 

 

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Bunzlauer Charakterköpfe

Zum Beispiel Klaus Rosenthal, Maria Raschke und Horst Tschage

So oft organisierten sie etwas für andere. Jetzt standen sie selbst im Mittelpunkt des Geschehens, - zu Recht, als der willkommene Anlass da war, die Lebensleistung dreier Mitarbeiter der Bundesheimatgruppe Bunzlau zu würdigen. Die langjährigen Vorstandsmitglieder Klaus Rosenthal und Maria Raschke begingen Ende 2007 fast gleichzeitig ihren 80. Geburtstag; und Horst Tschage, der im nächsten Jahr die 70 vollendet, konnte im letzten Jahr auf mehr als drei Jahrzehnte verdienstvollen Einsatzes für die Siegburger Schlesier im allgemeinen und die Siegburger Bunzlauer im besonderen zurückblicken.

I

Doch der Reihe nach. Der Chronist erinnert sich seiner ersten Gehversuche bei der Bundesheimatgruppe in den 90er Jahren. Vorsitzender war damals Herbert Wiesner. Emsige Mitarbeiter wirkten im Hintergrund, u.a. Ursula Burghardt als Archivarin, die voriges Jahr ihren 85. Geburtstag feiern konnte und zu aller Freude immer noch und – Gott sei Dank!! - wieder dabei ist, als die Seele der Heimatstube, und besagte Maria Raschke, damals Schatzmeisterin, später unser „Mädchen für alles“. Ihr Betätigungsfeld reichte von der Blumenpflege und der Aktenablage über das Briefeschreiben und Pakete-Packen bis hin zur klugen Beratung.

Maria Raschke wurde am 5. Dezember 1927 in Breslau geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Bunzlau besuchte sie die 7. Und 8. Klasse der Dorotheenschule, anschließend absolvierte sie ihr Landjahr in Ost-Oberschlesien, - im Schloss des Grafen Pilsudski! Eigentlich wollte sie Kindergärtnerin werden, doch dann begann sie eine Bürolehre bei der Firma Rothe-Lebensmittel am Markt. Besonders schön war es, wenn sie, gemeinsam mit einem Mitlehrling umschwärmt von der männlichen Kundschaft, an der Ladenkasse Glückslose verkaufen konnte. Ihr tiefreligiöser Bruder war Ministrant bei Pfarrer Sauer und wollte Priester werden. Am Ende kam alles - trotz Glückslosen und Religion - ganz anders.

 

Im Januar 1945 musste die Familie vor den Russen fliehen, nach Süden bis Karlsbad; bei Kriegsende kehrte sie zu Fuß nach Bunzlau zurück. Unter chaotischen Lebensverhältnissen arbeitete die junge Frau dann ein Jahr bei Polen und Russen, („ich weiß nicht mehr, wovon wir damals gelebt haben ...“), ehe sie zusammen mit den meisten andern Bunzlauern Mitte 1946 „im Viehwagen 'raus getrieben“ wurde und in Niedersachsen ankam. Nun war sie viele Jahre sehr krank. 1957 gelang den Raschkes die Umsiedlung nach Siegburg, „und da schien auch für mich die Sonne. Wir zogen nach Bonn, ich bewarb mich bei der Bundeswehr als Sachbearbeiterin.“ Daraus wurde ein dreißigjähriger Beamtendienst „beim Bund.“ In ihrer Freizeit besuchten die Raschkes gern die Heimatgruppe im benachbarten Siegburg.

Noch unter Otto Liebelt wurde sie Schatzmeisterin. Dann hat sie unter den Vorsitzenden Kurt Hartmann, Herbert Wiesner und zuletzt Peter Börner bis ins Jahr 2006 der Bundesheimatgruppe – man darf schon sagen – treu gedient. Frau Raschke schließt eine Lebensskizze mit folgenden Worten: „Besonders schön waren die Vorbereitungen für unsere zweijährigen Heimattreffen. - Aber man kann das Alter nicht wegreden. Es sind zu wenige, die noch einsatzfähig sind. Trotzdem hat unser Herr Börner das nächste Treffen fest ins Auge gefasst, und wir alle helfen, dass es klappt. Machen Sie mit? – Es grüßt Sie Ihre Maria Raschke.“

II

Gleichfalls nicht in Bunzlau geboren und gleichfalls dennoch Urgestein bei den Siegburger Bunzlauern ist Klaus Rosenthal. Wenn man ihn in den 90er Jahren bei der Bundesheimatgruppe erlebte, hätte man ihn fast für den Herrn Vorsitzenden halten können. So dynamisch brachte er sich mit all seinen Talenten ein: Er präsentierte z.B. Bunzlauer Keramik, den Gästen in der Heimatstube und der Siegburger Öffentlichkeit in den Rathausvitrinen.

 

Eine Meisterleistung in dieser Hinsicht, zugleich ein Meilenstein der deutsch-polnischer Verständigung, war seine bereits 1994 gemeinsam mit polnischen Bunzlauern durchgeführte Keramikausstellung im Siegwerk-Museum. Nicht zu vergessen Rosenthals journalistischen Meriten! Zuverlässig und geschickt photographierte und dokumentierte und publizierte er alle Bunzlau-Ereignisse in Siegburg und im oft besuchten polnischen Bunzlau („war bestimmt 20-mal da“). Zudem verfasste er regelmäßig gern gelesene Beiträge (K.R.) für die Bunzlauer Heimatzeitung.

 

Als sehr wertvoll erwies sich auch seine Kontaktpflege, nicht nur zur Patenstadt Siegburg und zum örtlichen Partnerschaftsverein, sondern insbesondere hinüber ins polnische Bunzlau. Die Rosenthals empfingen und beherbergten nach der Wende zahlreiche Gäste aus Boleslawiec, darunter einflussreiche lokale Persönlichkeiten. Mit einigen schloss er sogar Freundschaft. Das erwies sich für die deutsch-polnische Aussöhnung und für das Vertreten unserer Anliegen in Boleslawiec als ausgesprochen hilfreich. Nur einige Beispiele: Wir verdanken Klaus Rosenthal die Anbringung einer Gedenktafel für Martin Opitz an der früheren Opitz-Schule; auch die 2006 eingeweihte Tafel für Gottfried Zahn in den Zahnschen Schulanstalten geht wesentlich auf seine Initiative zurück. Frau Bober, die junge Leiterin des Keramikmuseums in Bunzlau konnte sich bei ihrer Erarbeitung eines sachgerechten Bildes des alten deutschen Bunzlaus stets auf Rosenthals Lokalkenntnis verlassen und zudem von seiner wunderbaren Ansichtskartensammlung profitieren.

Klaus Rosenthal, übrigens nicht verwandt mit der bekannten Bunzlauer Firma „Theophil Rosenthal“, der er seinen Schul-Spitznamen verdankt, wurde am 12.11.1927 in Prenzlau / Uckermark geboren. Im August 1936 zog die Familie nach Bunzlau, wo der Vater im Landratsamt Leiter des Rechnungsprüfungsamtes wurde. Klaus besuchte die Martin-Opitz-Schule, dann die Zahnschen Schulanstalten und wurde noch ganz kurz Soldat. Die Jahre 1945-1948 verbrachte er in englischer Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung kam er nach Marktredwitz, wohin es Eltern und Schwester nach der Flucht verschlagen hatte, und wurde in Hof zum Einzelhandelskaufmann ausgebildet. Ab 1952 war er bis zur Pensionierung Geschäftsführer der Firma Roland Herrenschuhe in Bonn. Sofort danach begann er die Mitarbeit im Vorstand der Bundesheimatgruppe (1990 – 2006). Seine Bekenntnis lautet: „Prenzlau ist meine Geburtsstadt, Bunzlau meine Heimatstadt.“ Da werden ihm alle zustimmen!

III

Ja, man muss nicht in Bunzlau geboren sein, um ein vorbildlicher Bunzlauer zu werden. Das galt bereits für Karl Wiechmann, der mit 30 Jahren als junger Journalist vom fernen Torgau an der Elbe kam und sich zunächst beim Bunzlauer Stadtblatt und dann durch die Arbeit vieler, vieler Jahre bei der Bunzlauer Heimatzeitung unvergesslich in die Annalen der Bober-Stadt eingeschrieben hat. Und so war es bei den bereits gewürdigten Mitarbeitern im Vorstand der Bundesheimatgruppe: Maria Raschke ist gebürtige Breslauerin; Klaus Rosenthal stammt aus Prenzlau in der Uckermark. Doch Heimat wurde ihnen und manchen anderen die liebe, alte Töpferstadt am Bober. Auch unserem Jochem Birk, der in Querbach im Landkreis Löwenberg das Licht der Welt erblickte. Auch er eine Säule der Bunzlauer Heimatgruppe, als „Spittler“ aus Profession und als Meister seiner / unserer elektronischen Personenkartei. Diese schlesischen Heimatfreunde par excellence haben ihre Kräfte, man kann schon sagen: ihr Herzblut, für Bunzlau vergossen und damit ebenso große Verdienste um die Heimatstadt erworben wie unsere prächtigen Urbunzlauer Ursula Burghardt und Horst Lessig.

Ähnliches ist von Horst Lessigs Namensvetter und Vorstandskollegen Horst Tschage zu berichten. Auch Heimatfreund Tschage stammt nicht aus Bunzlau, sondern kommt aus dem benachbarten Kreis Lüben. Er wurde am 27.09.1938 in dem fast eichendorffisch klingenden Dörfchen Mühlredlitz geboren. Erst nach der Vertreibung, die ihn schon früh nach Siegburg verschlug, kam er mit Bunzlauern in nähere Berührung. Doch seitdem hat er als heimattreuer Schlesier, der im 30. Jahr die Ortsgruppe Siegburg der Landsmannschaft erfolgreich führt, an den Geschicken der Bundesheimatgruppe stets lebhaften Anteil genommen und – als es nötig wurde – seine ganze Kompetenz in die Vorstandsarbeit eingebracht.

 

Seit 2002 ist er einer der zwei Stellvertretenden Vorsitzenden. Der tüchtige, pflichtbewusste, absolut zuverlässige und absolut aufrechte Horst Tschage begann nach dem Schulabschluss eine Lehre bei der Siegburger Stadtverwaltung. Über das Bauamt kam er ins Sozialamt, das er mehr als 20 Jahre leitete. Eingelebt in das rheinische Umfeld, jedoch ohne die hier typische „Schlitzohrigkeit“, hat er seine Liebe und Treue zur schlesischen Heimat, die er in jungen Jahren verlassen musste, immer bewahrt. Ebenso die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Zeichenhaft dafür steht der bis heute vorhandene Flucht-Leiterwagen, der die Habseligkeiten der Familie transportierte. Er hatte ihn uns als Anschauungsgegenstand für unsere Ausstellung „Bunzlau 1945 / 2005“ zur Verfügung gestellt.

 

Als wacher Beobachter des politischen Geschehens, als unbeugsamer Mitstreiter für die Belange der Vertriebenen, der sein Mäntelchen nicht nach dem Wind hängte, bekam er zeitweilig heftigen Gegenwind vom politischen Zeitgeist. Unter seinem Bürofenster musste er lesen: „Vertriebene vertreiben!“ Solche herzlosen Dummheiten konnten selbst in einem lebensfrohen, humorvollen und glaubensfesten Schlesier wie Horst Tschage gelegentlich Bitterkeit aufkommen lassen. Er ist evangelischer Christ aus Überzeugung – einschließlich der daraus resultierenden ehrenamtlichen Aufgaben. Verständnis und Stärkung findet er in seiner Familie, insbesondere bei der seine Aufgaben loyal mittragenden Frau, einer gebürtigen Hamburgerin; für ein zusätzliches familiäres Betätigungsfeld sorgen drei Töchter.

Wir Bunzlauer verdanken ihm viel: Die guten Beziehungen zum lokalen Bereich, zur Landsmannschaft und zum BdV, seine besonnenen, stets weiterführenden Beiträge während der Vorstandssitzungen, seinen geduldigen praktischen Arbeitseinsatz überall da, wo er gerade nötig ist, seine Kontaktpflege zu den Ortsbetreuern des Kreises Bunzlau und das regelmäßige Mitwirken in den dienstäglichen Bürostunden. Überhaupt: seine ermutigende Präsenz. Daher fanden wir es ganz in Ordnung, dass ihm Rudi Pawelka im Dezember das Schlesierkreuz, die zweithöchste Auszeichnung der Landsmannschaft, überreichte und dazu der BdV-Bezirksvorsitzende Peter Kokott die Ernst-Moritz-Arndt-Plakette. Nur eine Auszeichnung fehlt ihm noch: die des „Ehren-Bunzlauers“. Die müssen wir noch erfinden. Denn ein Bunzlauer Charakterkopf – das ist er längst. Danke und herzlichen Glückwunsch auch dir, lieber Horst Tschage!    

 

P.B.

 

 

In Ursula Burghardt lebt das alte Bunzlau.

Eine treue Heimatfreundin und unentbehrliche Helferin der Bundesheimatgruppe Bunzlau beging in Bonn ihren 90. Geburtstag

 

                       

                       Foto: Agnieszka Wojciechowska

Gewiss, das alte deutsche Bunzlau ist Geschichte geworden. Wie vieles andere aus dem vergangenen Jahrhundert. Und doch ist uns diese so schicksalhafte Epoche noch gegenwärtig: in den unbegreiflichen Katastrophen jener Zeit, die bis heute schmerzen, auch in den geistigen Schätzen, die uns die Geschichte Gott sei Dank hinterlassen hat. Dazu zählt das große kulturelle Erbe Deutschlands, das in wesentlichen Teilen gerettet oder wiederhergestellt werden konnte, und dazu zählen auch die gewaltigen Aufbau- und Integrationsleistungen nach Ende des Zweiten Weltkrieges und deren Vollbringer. Leider gibt es nicht mehr viele Menschen unter uns, die all dies erlebt, erlitten und mitgestaltet haben. Wir haben Grund, ihnen mit Respekt und mit Dankbarkeit zu begegnen.

 Ein guter Anlass, das einmal öffentlich auszusprechen, ist ein runder Geburtstag. Unsere Archivarin und Büromitarbeiterin Ursula („Ursel“) Burghardt beging am 25. Oktober 2011 ihren Neunzigsten! Damit umspannt ihr Leben fast Vierfünftel des 20. Jahrhundert.

Dicht gedrängt war der Kreis der Gratulanten in der kleinen Wohnung auf der Markus-Straße in Bonn-Kessenich. Neben den Verwandten, Freunden, Nachbarn und Vertretern von Kirche und Kommune überbrachten auch Jochen Wiesner und Peter Börner der Jubilarin Glück- und Segenswünsche, von der Bundesheimatgruppe Bunzlau - verbunden mit einer kleinen Ansprache, einem großen Blumenstrauß, einer Flasche Siegburger Klosterlikör und einer Kollage, die bildlich die Eckpunkte ihres Lebens zeigt: Bunzlau, wo sie geboren wurde und prägende Lebensjahre verbracht hat; Bonn, ihr neues Zuhause seit 1958; Siegburg, ihr Wirkungsort für die Heimatgruppe bis zum heutigen Tag.

Als sie am 25. Oktober 1921 im niederschlesischen Bunzlau das Licht der Welt erblickte, lagen noch die Schatten des Ersten Weltkrieges über dem Deutschen Reich und über der preußischen Provinz Schlesien. Die Mutter, eine geborene Wander, führte in der Töpferstraße Nr. 1 bis Februar 1945 ein Kolonialwarengeschäft, der Vater, der aus Groß Hartmannsdorf stammte, arbeitete bei Hoffmann & Co. Nach dem Besuch der Volksschule, der Dorotheenschule, wo sie eine im Vergleich zu heute sehr solide Allgemeinbildung erhielt, ging Ursula Burghardt bei der Tonwarenfabrik Ed. Küttner in die Lehre. Küttner produzierte ähnlich wie Hoffmann & Co Tonröhren, Wasch-und Sanitär-Anlagen, Futtertränken, auch Vorratstöpfe etc. Dort erlernte sie den Beruf der Kontoristin. Ihr damals erworbenes bürotechnische Wissen und ihre Arbeitsdisziplin kommen bis heute der Heimatstube zu Gute. Vor allem aber profitiert die Heimatgruppe von ihrem enormen Wissen über das alte deutsche Bunzlau. Man hat den Eindruck, dass sie – ähnlich wie unser Horst Lessig – mit  jeder Ecke vertraut ist und fast jeden der damaligen  Bunzlauer persönlich kennt. Das hängt nicht zuletzt mit ihrer Freude am Sport zusammen, die sie übrigens ein Leben lang begleitet hat. Sie ging zweimal wöchentlich zum Turnen beim MTV Bunzlau, wo sie mit vielen anderen Sportbegeisterten zusammentraf. Sie war auch eine tüchtige Handballspielerin. Die Teilnahme an Leichtathletik-Wettkämpfen führte sie schon in jungen Jahren in andere Städte Schlesiens und Ostpreußens sowie zu einem Lehrgang nach Hannover und einem Seminar für Gruppenleiterinnen an der Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Das gerettete Fotoalbum erzählt davon. Klar, dass sie im BdM eine Sportgruppe leitete.

Karl-Heinz, der jüngere Bruder, lernte derweil bei der Concordia und kam anschließend zur Wehrmacht. Der politische Horizont verdüsterte sich zusehends; die Bunzlauer Synagoge wurde niedergebrannt, der Zweite Weltkrieg begann, Bunzlau erhielt zwei Außenlager des KZs Groß Rosen. Die Gefangenen mussten Zwangsarbeit in der Bunzlauer Rüstungsindustrie leisten. Als Mutter und Tochter einmal aus dem Fenster sahen und einen Trupp abgemergelter Arbeits-Häftlinge in KZ-Kleidung erblickten, der unter Bewachung in die Rothlacher-Straße hereinkam, sagte die Mutter zu Tochter Ursel: „Gnade uns Gott, Mädel, wenn das einmal auf uns zurückschlägt.“ 

Wie schlimm es dann kommen würde, konnte selbst sie nicht ahnen. Als die Russen am 10. Februar 1945 vor Bunzlau standen und die meisten Bewohner hals über kopf flohen, blieb die Mutter im Vertrauen auf die russische Propaganda (Befreiung vom Faschismus und Wiederherstellung normaler rechtsstaatlicher Verhältnisse) trotz dringender Warnungen mit ihrem Ehemann zurück. Schließlich hatten sich beide nichts zuschulden kommen lassen. Ursel, die ihre Eltern nicht zur Flucht hatte überreden können, fand nach einer Odyssee bei Verwandten in Dessau-Rosslau Zuflucht. Der Vater wurde schon im März 1945 von den Russen verhaftet, verschleppt und kam bereits am 17. Mai ums Leben.  Erst vor wenigen Jahren konnte Frau Burghardt auf einem großen Gräberfeld bei Breslau an der vermutlichen Begräbnisstätte für ihn Blumen niederlegen. Nach Beendigung des Krieges kehrte die junge Frau wie so viele in die zerstörte Heimat zurück und fand die Mutter allein und noch lebend vor. Schon bald danach, am 24. Juli 1945, wurde sie gemeinsam mit der Mutter und vielen anderen Bunzlauern im Zuge der ersten sogenannten Wilden Vertreibung erneut zum Verlassen der Heimat gezwungen und gelangte abermals nach Rosslau. Eine Rückkehr war jetzt unmöglich.

Beim Bahnhof Dessau-Rosslau, wo schon ihr Bruder arbeitete, der inzwischen aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, fand sie eine Anstellung als Lohnrechnerin. Das Leben begann sich zu normalisieren. Der Wiederaufbau wurde in Angriff genommen, auch in der Sowjetischen Besatzungszone. Selbst zum Handballspiel im Sportverein war wieder Gelegenheit. 1954 besuchte sie bei einem „Westbesuch“ unerlaubterweise eines der ersten Bunzlauer Heimattreffen in Siegburg.

Doch bald erfolgte der nächste Einschnitt. Aus politischen Gründen musste sie 1955 die DDR verlassen. Bruder und Mutter blieben in Dessau zurück. Auf Umwegen gelangte sie, vermittelt durch Schulkameradin Hilde Blumberg, nach Bonn. Sie sprach vergeblich beim Verteidigungsministerium und beim Gesundheitsministerium vor, ehe sie Anfang  1958 durch das Arbeitsamt eine Stelle in der Bonner Firma Heinrich August Schulte bekam, einer Tochter-Gesellschaft von Thyssen-Krupp. Zuletzt war sie dort Chef-Sekretärin. Sie blickt gerne auf diese Zeit zurück.

Mit ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1982 begann abermals ein neuer und für die Heimatgruppe Bunzlau ungemein fruchtbarer Lebensabschnitt. Angestoßen durch Frau Hedwig Kindler – man muss ihr bis heute dafür dankbar sein – übernahm Ursula Burghardt Aufgaben im Vorstand der Bundesheimatgruppe Bunzlau in Siegburg. Sie brachte an zwei Wochentagen ihre ganze Kompetenz in die damals noch sehr umfangreiche Büro-Arbeit ein, und als es nötig wurde, begab sie sich mutig und konsequent und erfolgreich an die Neu-Inventarisierung des Bestandes der Heimatstube. Die dabei erworbenen Sach- und Methodenkenntnisse rechtfertigen es, sie als die Archivarin der Bundesheimatgruppe zu bezeichnen. Doch ist sie sich bis heute nicht zu schade, auch die Ablagen zu machen, Telefondienst zu leisten und die anfallende Korrespondenz zu erledigen – gewandt, routiniert und zuverlässig. Leider hat sie den qualitativen Sprung von der Schreibmaschine zum PC nicht mehr gepackt. Doch dafür trägt jedes ihrer Schreiben ihre ganz persönliche Note.

Eigentlich wollte sie beim großen Bunzlauer Heimattreffen in Görlitz 2006 nach mehr als 20 Jahren Vorstandsarbeit – übergangsweise sogar als Vorsitzende - gemeinsam mit Kollegin Maria Raschke in den wohlverdienten „Heimatstuben-Ruhestand“ gehen. Aber dann kam der arbeitsintensive Umzug der Heimatgruppe, dann war da ein gewisser Personalmangel, und außerdem - macht es ihr einfach Freude, regelmäßig unter vertrauten Menschen zu sein und in der Vergangenheit und Gegenwart, kurz: in der ganzen Welt ihres geliebten Bunzlaus zu leben und zu arbeiten.

 Natürlich hat sie die Heimat immer wieder besucht. Auch wenn ihr altes Wohnhaus der modernen Straßenführung weichen musste und sich auf ihrem ehemaligen Arbeitsplatz ein öder Busbahnhof angesiedelt hat. Mit den polnischen Gästen in der Heimatstube kommt sie dank ihrer praktischen und gewandten Art gut zurecht. Auch die profitieren von ihrer Sachkenntnis, sowohl hinsichtlich des alten Bunzlaus aus ihrem eigenen Wissen als auch hinsichtlich des reichen Archiv- und Bibliotheksmaterials in der Heimatstube, das Ursula Burghardt durch jahrelange Arbeit aus dem FF kennt und bereitwillig Interessenten zur Nutzung zur Verfügung stellt. Die Patenstadt Siegburg hat sie 1991 für ihre besonderen Verdienste mit einer Silbermedaille geehrt. Zweifellos hätte sie - aus ähnlichen Gründen wie etwa Kurt Basler und Dietmar Plate - auch eine Anerkennung seitens der polnischen Bunzlauer verdient, zumal diese sich mehrheitlich der deutschen Wurzeln ihrer Stadt und der jahrhundertelangen deutschen Geschichte Schlesiens bewusst geworden sind und sich zu ihr bekennen.  

Bis vor einem Jahr kam sie mit eigenem PKW von Bonn nach Siegburg herüber. Jetzt lässt sie es sich trotz Schmerzen und Bewegungseinschränkung nicht nehmen, mittels ÖPNV möglichst an jedem Dienstag die Heimatstube aufzusuchen, dort sehr diszipliniert und effektiv von 10 Uhr bis 13 Uhr und oft länger zu arbeiten und den Vorstand so ganz nebenher aus ihrer Lebenserfahrung in der ihr eigenen sachlich-nüchternen Denkungsart in großen und kleinen Dingen zu beraten. Am meisten ist sie in ihrem Element, wenn alte Bunzlauer anrufen oder wenn deren Kinder und Enkel oder Heimatforscher, Familienforscher oder Nachwuchshistoriker eine solide Auskunft in Sachen Bunzlau benötigen.

Große Worte mag sie gar nicht. Aber hier muss es einmal gesagt werden: Sie ist die Seele der Bundesheimatgruppe. Wir sind glücklich, dass wir sie haben. Und bitte noch recht, recht lange!

Peter Börner