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Bunzlaureise August 2012 | Drucken |  E-Mail

 

Einmal Siegburg – Bunzlau und zurück

 

Bericht über eine Sommerreise nach Schlesien

 

Für die einen wurde es zu einem „Schnupperkurs Schlesien“, für die anderen war es  ein ersehntes Wiedersehen mit der Heimat und für einige zudem ein Zusammentreffen mit alten Freunden. Die Rede ist von der Busfahrt der Bundesheimatgruppe nach Görlitz, Breslau und natürlich nach Bunzlau.

 

Anlass der Reise war ein Jubiläum. Denn 2012 ist es genau 20 Jahre her, dass Siegburg, unsere rheinische Patenstadt, eine Städtepartnerschaft mit Bunzlau / Bolesławiec abgeschlossen hatte. Damals, so kurz nach der Wende, war das eine echte Pioniertat. Sie half, Grenzen zu überwinden, auch in den Köpfen. Wie viele polnische Bunzlauerinnen und Bunzlauer, besonders junge Leute, sind seitdem nach Siegburg gereist! Dabei haben sie nicht nur mit eigenen Augen Deutschland gesehen, sondern auch die Bunzlauer Heimatstube aufgesucht, mit großem Interesse, und oft in Begleitung ihrer deutschen Gastgeber, die sonst wohl kaum bei uns hereingeschaut hätten. Umgekehrt gab es zahlreiche Reisen von Siegburg nach Bunzlau: besonders im Rahmen des Schüleraustauschs, in Form gemeinsamer musikalischer Projekte, auf Verwaltungsebene, im Rahmen von Ausstellungen und gemeinsamen Dokumentationen (750 Jahre Bunzlau, Pfarrer-Sauer-Gedenkveranstaltung, Bunzlauer Stadtblatt-Edition, Ausstellung Firma Rheinhold), zunehmend auch ganz privat und ab und zu als „Bürgerfahrt“, organisiert durch den Siegburger Partnerschaftsverein.

 

Peter Börner, der beiden Vereinen, der Heimatgruppe und dem Partnerschaftsverein angehört, nahm es diesmal auf sich, eine solche Bürgerfahrt vorzubereiten und zu leiten. Die Teilnahme stand allen Interessenten offen.  Am 22. August startete ein Bus ab Siegburg mit dreißig Personen, die wenigsten davon Bunzlauer oder Kinder von Bunzlauern, die gibt es ja kaum hier. Der Bus hätte noch wesentlich mehr reiselustige Rheinländer und Schlesier mitnehmen können, wären die Hotels und Pensionen in Bunzlau nicht wegen des Keramikfestes, auch für uns ein attraktives Ziel, weitgehend ausgebucht gewesen. Dennoch erweiterte sich die die Reisegruppe bis Görlitz und Bunzlau planmäßig auf 38 Personen: Heimatfreunde aus München, Norddeutschland und Dresden waren dazugekommen und konnten, soweit gewünscht, ebenfalls in Bunzlau und Umgebung (bis nach Thomaswaldau!) untergebracht werden, teilweise durch Vermittlung polnischer Freunde.

 

Die ersten beiden Schlesien-Tage verbrachte die Reisegruppe in Görlitz und in Breslau. Nach der Einquartierung im Hotel „Alt Görlitz“ trafen wir uns zu einem gemütlichen „Bunzlauer Abend“ im Lokal „Bürgerstübel“. Mit dabei unser langjähriger Freund und Weggefährte Alfred Theisen (Schlesische Schatztruhe, Schlesien Heute und jetzt wieder Schriftleiter der BHZ). Nach dem gemeinsamen Abendessen führte uns Heimatfreund Prof. Dr. Hans-Joachim Haim (Dresden) in einer Dichterlesung aus seinem Erinnerungsbuch anschaulich, humorvoll und mit zu Herzen gehenden Worten zurück in die Welt seiner Bunzlauer Kindheit im Schatten von Flucht und Vertreibung.

 

Am nächsten Morgen startete man unter der sachkundigen Führung von Thomas und Magdalena Maruck - er Görlitzer, sie eine gebürtige polnische Goldbergerin -  zu einem Tagesausflug nach Wahlstatt und Breslau. Für manche der westdeutschen  Gäste, die Niederschlesien bisher nicht kannten, eine echte Offenbarung. Sie staunten über die barocke Pracht der Dientzenhoferkirche in Wahlstatt und  genossen den kulturellen Reichtum, das pulsierende Leben und auch die Piroggen in Schlesiens Landeshauptstadt. Für die alten Schlesier war  es mehr ein stimmungsvolles Wiedersehen mit einigen neuen Akzenten: Wir freuten uns über den renovierten  Gebäudekomplex des Stadtschlosses und blickten auf einen munter ausschreitenden Joseph von Eichendorff im Botanischen Garten...

 

Der 24. und 25. August waren Bunzlau gewidmet. Bürgermeister Piotr Roman ließ es sich nicht nehmen, die deutschen Gäste im Sitzungssaal des Rathauses zu begrüßen. In seiner Ansprache blickte er  – ganz zu Recht - auf 20 gute Jahre der Partnerschaft zurück. Er deutete sogar Fortschritte beim heiklen Thema „Gedenktafel Pfarrer Paul Sauer“ an. Vor allem verriet er uns mit Stolz, dass Bunzlau am kommenden Tag in Anwesenheit aller Bürgermeister seiner acht (!) Partnerstädte, mit der Europa-Medaille ausgezeichnet wird. Der Siegburger Bürgermeister Franz Huhn war zu diesem Zeitpunkt noch nicht anwesend. Deshalb überbrachte Frau Sigrid Haas als Mitglied des Stadtrates Grüße und Glückwünsche der Siegburger Bürgerschaft. Peter Börner würdigte besonders die kontinuierliche Zusammenarbeit, an der die Bundesheimatgruppe mit vielen Projekten (s.o.) beteiligt war, den Schüleraustausch des Gymnasiums Alleestraße und den Partnerschaftsverein, der die Bunzlau-Kontakte stets ideell und finanziell unterstützt hat. Das von Börner überreichte Gastgeschenk, ein stilvoller Krug, hergestellt im Westerwald der Nachkriegszeit durch die Firma Werner, sollte auch ein „Wink mit dem Keramiktopf“ sein: Er erinnert an die oft vergessene große Aufbauleistung unserer heimatvertriebenen Keramiker und an den Wunsch der Bundesheimatgruppe, die von ihr 2009 erarbeitete Ausstellung „Bunzlauer Keramik nach 1945“ auch in  Bolesławiec /Bunzlau vorzustellen.

 

In fliegendem Wechsel waren die deutschen Gäste anschließend zur Eröffnung der Ausstellung „XX Jahre Städtepartnerschaft“ in die Stadtbücherei geladen. Dort hatten Mitglieder des Vereins der Liebhaber Bunzlaus (Zdzislaw Mirecki, Zygmunt Brusilo) zusammen mit der Stadtbibliothek (Dir. Halina Majewska) und dem Stadtmuseum (Dir. Anna Bober-Tubaj) Wachstumsringe und Glanzpunkte der städtepartnerschaftlichen Zusammenarbeit liebevoll dokumentiert. Während der intensiven Gespräche am Rande wurde der Wunsch laut, diese Dokumentation nach Siegburg zu bringen.

 

Bitte beachten Sie zur Information über die Veranstaltung auch den folgenden Link:

http://www.mbp.boleslawiec.pl/index.php?option=com_content&view=article&id=400:xx-lat-partnerstwa-bolesawiec-siegburg-galeria-format-2408-30092012&catid=12:zaproszenia&Itemid=33 

  

Am Abend war dann eine Beteiligung als eigene Gruppe beim Festzug angesagt, leider ohne das uns zugesagte Siegburg-Schild. Der Umzug wurde am Ziel (neues Hallenbad) auf effektvolle Weise zunächst von Breitseiten aus Konfetti-Kanonen und dann von einem wolkenbruchartigen Regenguss beendet.  

 

Am nächsten Tag bot Peter Börner eine kleine Stadtführung an. An der ul. M. Opitza (Wilhelm-Straße) wies er auf die Absicht einiger polnischer Bunzlauer hin, den größten Sohn Bunzlaus in Eigeninitiative durch die Errichtung eine Büste auf einem Privatgrundstück zu ehren. Unterwegs machten Günter Bleul, H.-J. Haim, Heinz Knappe und Gudrun Salge beim Vorbeigehen auf unvergessliche Stätten ihrer Kindheit und Jugend aufmerksam. Die Nichtbunzlauer in der Reisegruppe staunten über das inzwischen aufwändig renovierte Stadttheater, die prächtige Kutusow-Säule, das schlossartige Amtsgericht, das historische Hallenbad und den festlichen Marktplatz. Leider sind die Informationstafeln nur in Polnisch und in Englisch abgefasst! Sehr eindrucksvoll am Mittag  desselben Tages der Umzug der grotesken  „Bunzlauer Tonmenschen“, die erfolgreiche  Idee von Bogdan Nowak, seines Zeichens Bunzlauer Hotelier, Pantomime, Aktionskünstler und verhinderter Kommunalpolitiker. Viele von uns wohnten in seinem Hotel „Ambasada“, der früheren AOK an der Löwenberger Straße. Für den Nachmittag war freundlicherweise noch eine deutschsprachige Führung durch das Keramikmuseum, das frühere Stadtmuseum, eingerichtet worden.  Man zeigte uns neue Grabungsfunde Bunzlauer Tonwaren aus dem Mittelalter, und nicht wenige wunderten sich über die oft eleganten Keramik- Erzeugnisse aus der ersten Hälfte des  20. Jahrhunderts. Ein gut gemachter deutschsprachiger Film über Geschichte und Herstellung der Bunzeltippel rundete diese Veranstaltung ab.

 

Im Übrigen genossen die Bunzlaufahrer immer wieder das faszinierende Flair des Keramikfestes, das die ganze Innenstadt belebte und geradezu verzauberte. Nebenbei wurden alte Freundschaften erneuert, u.a. mit Museumsdirektorin Anna Bober-Tubaj, dem Tiefenfurter Keramiker Stanislaw Wiza und mit polnischen Lehrerinnen und Lehrern der einstigen Zahnschen Schulanstalten.

 

 

Am 26. August brachte uns Frau Schneider von den Haas-Reisen in Weyersbusch / Ww. nach einer Stipp-Visite in Naumburg (nicht am Queis, sondern an der Saale) in ihrem bequemen Fernreisebus wohlbehalten nach Siegburg zurück. Ein Nachtreffen ist für November vorgesehen. Auch Nicht-Bunzlau-Fahrer sind herzlich willkommen!

P.B.