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Keramikausstellung Firma Reinhold | Drucken |  E-Mail

  

Eine Erlebnis-Reise zu Reinhold und Co.

  

Peter Börner, Jochen Wiesner und Elisabeth Zahn entdeckten alte und neue Bunzlauer Keramik.

Die plötzliche Verschiebung der Ausstellungseröffnung um eine Woche war schon eine arge Herausforderung. Aber dann saßen die drei Vorstandsmitglieder der Bundesheimatgruppe am 18. Oktober doch relativ gelassen in aller Herrgottsfrühe im Flugzeug und sahen sich von oben den Sonnenaufgang an. Am Dresdner Flughafen begrüßte sie eine gute Stunde später Harald Rösner, ihr „Fahrer“ nach Bunzlau. Herr Rösner ist seit der Wende befreundet mit Familie Wiesner durch gemeinsame Günthersdorfer Herkunft. Und in Günthersdorf („Godzieszów Ginterschdurf“ liest man im Internetauftritt von Naumburg / Nowogrodziec), direkt an der früheren Reichsstraße 115 von Görlitz nach Bunzlau, war es auch, wo der erste längere Halt eingelegt wurde. Die jetzigen Besitzer des Wiesnerschen Wohnhauses, ein Polizist im Ruhestand und seine Frau, empfingen die Überraschungsgäste aus Deutschland sehr freundlich und zeigten ihnen voller Stolz, wie geschickt und aufwändig sie das Haus zu einer Übernachtsherberge für Durchreisende (noglegi) umgebaut hatten. Nachdem man sich noch im Ortskern von Günthersdorf, in der gegenüberliegenden riesigen Sonderwirtschaftszone und im alten Waldau / Wykroty umgeschaut hatte, samt improvisierter Expedition durch den völlig verwilderten Gutshofpark, traf man gerade noch rechtzeitig zum Umkleiden in der Bunzlauer Pension „Bei Janina“ ein.

Bald darauf standen die Vier im ersten Stock des Keramikmuseums (des früheren Stadtmuseums an der Poststraße) inmitten einer dichten Menge von  Keramiksammlern, Honoratioren, Kommunalpolitikern, Presseleuten und vielen, vielen Gästen, immer wieder herzlich begrüßt von deutschen und polnischen Bekannten. An der rechten und auf der linken Wandseite erglänzte in langen Reihen erlesene, gar nicht „typische“ Bunzlauer Keramik. Ausgestellt waren ca. 500 Prachtstücke aus der Produktion von Hugo und Ernst Reinhold. Ganz vorn im Saal saßen freundlich und in stiller Würde zwei ältere Damen: Doris Reinhold und Christa Kretschmann, die Töchter des letzten Firmenleiters der Familie Reinhold, umrahmt von einer Art Festkommitee, bestehend aus Frau Bober-Tubaj, der Leiterin des Keramikmuseums, Professor Paweł Banaś von der Universität Breslau, Frau Johanna Kutschera, Abgesandte des Schlesischen Museums Görlitz (die auch hervorragend übersetzte), sowie von Museumsmitarbeitern und anderen anscheinend wichtigen Personen.

Leitmotiv der Rede von Frau Bober war das Wort „Dank“. Die unermüdliche Organisatorin der Ausstellung betonte, dass ohne die großzügig zur Verfügung gestellten Leihgaben aus Deutschland (besonders zu nennen der Nicht-Bunzlauer Sammler Peter Hesse) und aus Polen, ohne sachkundige Mitarbeit von Museen, Keramikfreunden in Bunzlau / Bolesławiec und in Deutschland  und vor allem ohne die immense Arbeitsleistung der Mitarbeiter diese erste systematische Sichtung und Präsentation Reinholdscher Keramik nicht zu schaffen gewesen wäre. „Die Erzeugnisse der Firma Reinhold“, so zitierte Frau Bober Professor Konrad Spindler, „sind das Qualitätvollste und Eleganteste, was Bunzlauer Töpferkunst im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.“

Besonders dankbar und stolz war die junge Direktorin auf den umfangreichen, geschmackvoll gestalteten und sehr informativen Ausstellungskatalog. Sämtliche Texte sind in Polnisch und in – fehlerfreiem! - Deutsch abgefasst; die hervorragenden Photographien stammen von Janusz Moniatowicz. Das Buch mit dem Titel  „Bunzlauer Keramik aus dem Hause Reinhold“ kann für 70 Zloty bzw. für 39.- € erworben werden, z.B. in der Schlesischen Schatztruhe in Görlitz.

„Hier wurde uns nicht nur ein Fachbuch geschenkt“, sagte Peter Börner in seinem Grußwort, „sondern auch die Dokumentation eines bemerkenswerten Stücks unserer inzwischen gemeinsam gewordenen Kulturgeschichte. - Die Bunzlauer Heimatstube hat ihrer großen Schwester, dem hiesigen Keramikmuseum, ohne Zögern die gewünschten Exponate als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Sie weiß sie in guten Händen. Gleiches gilt für die Exponate aus den Privatsammlungen unserer Mitarbeiter Elisabeth Zahn und Klaus Rosenthal. Leider war es Heimatfreund Rosenthal nicht mehr vergönnt, den heutigen Tag mitzuerleben. Er hätte diesen Meilenstein der von ihm und Frau Wolanin schon vor fast 15 Jahren begründeten Zusammenarbeit lebhaft begrüßt.“

Allen Mitstreitern an diesem schönen Projekt überreichte - nach entsprechender Belobigung - Frau Bober einen Ausstellungskatalog. Daher kann ein Exemplar des Reinhold-Buches auch in der Bunzlauer Heimatstube in Siegburg eingesehen, bewundert und vor allem genutzt werden. Und wer die ganze Ausstellung in Deutschland besichtigen will: Sie wird ab 3. April 2009 im Schlesischen Museum in Görlitz gezeigt.

Die Feier war fast zu Ende, da gab es von Seiten der deutschen Bunzlauer noch ein wertvolles Überraschungsgeschenk. Ein rundes Tischchen wurde durchgereicht, mit vier in rotem Leder eingebundenen Büchern, und nun war Kurt Baslers großer Augenblick gekommen. Der in Bunzlau und Rothlach aufgewachsene pensionierte Kriminalkommissar aus Erfurt überreichte der Vorsitzenden des Stadtrats Frau Dr. Janina Piestrak-Babijczuk und Vizebürgermeister Wiesław Ogrodnik „Das Lebenswerk von Artur Schiller“. Es handelt sich um die von Basler akribisch recherchierten und in drei dicken Bänden zusammengestellten zahlreichen lokalhistorischen Aufsätze des einstigen Bunzlauer Stadtmuseumsleiters und Heimatforschers, der 1946 in Görlitz, an der Schwelle der Heimat, hochbetagt auf elende Weise ums Leben gekommen war. Nun ist Artur Schiller zumindest „virtuell“ in seine Heimat zurückgekehrt. Dank der Basler-Sammlung kann er wieder zum Mentor all derer in Bunzlau werden, die sich für die vielen Jahrhunderte deutscher Stadtgeschichte interessieren. Und die Zahl der Interessenten im heutigen Bolesławiec ist groß.

Ergänzt wird das Opus durch zwei sehr nützliche Beiträge von Artur Schillers Namensvetter Dr. Wilfried Schiller, mit Wurzeln in Tillendorf. Ihm ist  ein IV. Band zu verdanken mit einer ausführlichen Biographie und eine CD, die neben der Biographie sämtliche von Kurt Basler zusammengestellten Schiller-Texte enthält. Die Bundesheimatgruppe bekam schon vorher ein Exemplar und kann beim Erwerb dieser CD vermittelnd tätig werden. Die Repräsentanten des heutigen polnischen Bunzlaus, Frau Dr. Piestrak-Babijczuk und Vizebürgermeister Ogrodnik, bedankten sich spontan und herzlich für dieses einmalige Kompendium. Und sie erklärten sich  - in Beantwortung einer Frage Kurt Baslers - „selbstverständlich“ bereit, die Bunzlauer beim 30. Bundesheimattreffen 2010 in Bunzlau aufzunehmen, was das Publikum mit lebhaftem Beifall quittierte.  - Übrigens wird auch Geheimrat Schillers zweites „Lebenswerk“, das von ihm von 1920 bis 1945 geleitete Bunzlauer Stadtmuseum, wieder aufleben. 2009, also fast genau hundert Jahre nach der Gründung, soll es im früheren Kutusow-Museum neu eröffnet werden.

Dies alles, die liebevolle Sammlung und sorgfältige Präsentation der Reinhold-Keramik, die dankbare und verständige Entgegennahme der Schriften Artur Schillers, die spontane Einladung nach Bunzlau, die geplante Wiedererrichtung des Stadtmuseums in bewusster Anknüpfung an die Gründung vor 100 Jahren und die erprobte Zusammenarbeit mit der Heimatgruppe, - man denke an die Übernahme unserer Ausstellung „750 Jahre Stadt Bunzlau“ (2002), die Veranstaltung zu Pfarrer Sauer (2004), die gemeinsame Sammlung des Bunzlauer Stadtblatts (2006) -  dies alles hat  etwas sehr Versöhnliches und dankbar Stimmendes. Es schmerzt, dass unsere Eltern und Großeltern die wachsende Unbefangenheit, Offenheit, ja Zuneigung vieler heutiger Bewohner Schlesiens für das deutsche Erbe nicht mehr erleben durften. Es schmerzt aber auch, dass es bisher, trotz manch gutem Willen auf beiden Seiten, nicht zu einem würdigen Abschluss der tragischen Angelegenheit „Freies Deutschland“ (mit einer Gedenktafel für Pfarrer Sauer und einer offiziellen Entschuldigung des polnischen Staates bei den wenigen noch lebenden deutschen Opfern) gekommen ist. Wir haben auch dieses Thema in Bunzlau angesprochen.

Die polnischen Gastgeber ließen es sich nicht nehmen, großzügig für Unterkunft und Verpflegung zu sorgen, einschließlich zweier festlicher Essen und einer Einladung von Herrn Zdzisław Mirecki zum Burgfest auf der Gröditzburg. Kurt Basler, der besonders betreut wurde, erhielt die Möglichkeit, mit Sondererlaubnis den Turm der ehemaligen evangelischen Kirche zu besteigen.

Auf Vorschlag des Keramikmuseums und des Vereins der Freunde Bunzlaus traf man sich am kommenden Tag im Sitzungssaal des Rathauses, um sich gegenseitig über geplante Arbeitsvorhaben zu informieren und Möglichkeiten künftiger Zusammenarbeit zu erörtern. Die Bundesheimatgruppe regte an, die Neuereröffnung des Stadtmuseums mit einer Tagung zu verbinden, in der Persönlichkeit und Werk Artur Schillers der Bunzlauer Öffentlichkeit vorgestellt werden. Diese Tagung könnte auch ein Forum für den Lichtbilder-Vortrag von Dr. Albrecht Gribl (München) über den namhaften Bunzlauer Werbe-Graphiker und Kunstmaler Max Hertwig sein.

Außerdem erläuterten die Siegburger ihr Projekt „Bunzlauer Nachkriegskeramik“. Dieser etwas vernachlässigte Teil unserer Keramikgeschichte soll Thema einer Ausstellung in der Heimatstube im Mai kommenden Jahres sein. Die Projektleitung hat Frau Elisabeth Zahn übernommen. Die polnische Seite gab zu bedenken, dass die Entwicklung der Nachkriegskeramik in Boleslawiec / Bunzlau leider wenig dokumentiert und erforscht ist, sicherte jedoch ihre Unterstützung zu.

Für die polnischen Partner stehen z. Zt. andere Vorhaben im Vordergrund: Die Weiterführung der Präsentation großer Bunzlauer Vorkriegskeramik, die Wiedererrichtung des Bunzlauer Stadtmuseums und ein schon für 2009 geplantes populärwissenschaftliches Buch zur Bunzlauer Stadtgeschichte, exemplarisch dargestellt anhand wichtiger Ereignisse und bemerkenswerter Persönlichkeiten, z.B. Martin Opitz. Die Vertreter der Bundesheimatgruppe begrüßten diese Vorhaben, erbaten nähere schriftliche Auskunft und erklärten ihre Bereitschaft zur Mitarbeit.

Dem eigenen Projekt ging man auf der Heimreise nach. Doch zunächst suchten die Siegburger in Görlitz Alfred Theisen zu einem längeren Gespräch auf. Der begleitet und fördert die Aktivitäten der Bundesheimatgruppe in besonderer Weise: früher als Schriftleiter der Bunzlauer Heimatzeitung, seit 10 Jahren als Herausgeber des Monatsmagazins Schlesien Heute (SH). Herr Theisen hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich an der Reinhold-Vernissage in Bunzlau teilzunehmen und widmete ihr in der November-Ausgabe von SH einen sehr lesenswerten Bericht.

Hauptziel während der Rückreise nach Dresden war die Töpfergemeinde Neukirch in der Lausitz. Dort besteht mit der Firma Heinke eine Töpferei, die seit 1866 in ununterbrochener Folge in Familienbetrieb „Geschirr nach Bunzlauer Art“ herstellt. Peter Börner, dessen Vater nach dem Krieg ebenfalls Bunzlauer Keramik produziert hatte, informierte sich ausgiebig beim  jetzigem Eigentümer Mathias Förster über die Nachkriegsentwicklung, in DDR-Zeiten und später, und ließ sich die aktuelle Produktionspalette erläutern. Das waren wichtige Erkenntnisse für die geplante Ausstellung. Anschließend sah man sich in der Töpferei Lehmann um. Sie stellt in großem Stil „Bunzlauer“ Keramik her, auch mit manchen neuen Ideen. Karl Louis Lehmann (1912-1968) hatte in seiner Lehrzeit die Keramikfachschule in Bunzlau besucht. Die Besucher erhielten Gelegenheit, den jetzigen Seniorchef, Urgestein und Bundesinnungsmeister in einer Person, ausführlich zu interviewen. Auch er sicherte der Heimatgruppe die Bereitstellung von Ausstellungsstücken, Urkunden und Photos für die Ausstellung über Bunzlauer Nachkriegskeramik zu.

Viel zu schnell war es Zeit, an den Heimflug zu denken! Als dann am Abend desselben Tages das Flugzeug von Dresden kommend in Köln-Bonn zur Landung ansetzte, hatten die drei „Reinhold-Reisenden“ in der kurzen Zeitspanne von Samstagmorgen bis Montagabend jede Menge über alte und neue Bunzlauer Keramik gelernt, die sympathische Bekanntschaft einen lieben Menschen aus der Umgebung Dresdens gemacht, ihr allgemeines Wissen über Bunzlau erweitert und nicht zuletzt ein wenig dazu beigetragen, die guten Beziehungen zu heutigen Bewohnern der Heimat zu festigen und zu erweitern.  Also mehr als eine Erlebnisreise. -  Eine ergiebige Reise!     

Peter Börner

  

Impressionen von der Reise nach Bunzlau und der Eröffnungsfeier der Ausstellung "Vom Kunsthandwerk zur Kunst - Bunzlauer Keramik aus der Firma Reinhold" am 18. Oktober 2008 im Keramikmuseum Bunzlau